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Streit um hochsensible Gesundheitsdaten von Flugpersonal

Datensammelwut gefährdet Sicherheit in der Luft.

Alle PilotInnen, FlugbegleiterInnen und FluglotsInnen müssen sich weltweit regelmäßig medizinischen Untersuchungen durch sogenannte Fliegerärzte unterziehen. Damit wird ihre Gesundheit und somit ihre Flugtauglichkeit überprüft und sichergestellt. Natürlich auch in Österreich. Einzigartig ist aber, dass die heimische Flugsicherung Austro Control eine geradezu perfide Sammelwut bei persönlichen Daten entwickelt hat. Es werden Daten gehortet, die weit über medizinische Erfordernisse hinausgehen. "Sogar über Tätowierungen und Piercings an intimen Stellen sowie Krankheiten aus Kindheitstagen wollen die amtlichen Datensammler der Behörde Bescheid wissen", ist der Vorsitzende des Fachbereichs Luft-und Schiffverkehr in der Gewerkschaft vida, Johannes Schwarcz, empört.

Germanwings-Absturz heizt Schweigepflicht-Debatte neu an

 Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine ist auch die Diskussion rund um die ärztliche Schweigepflicht für PilotInnen neu entbrannt. „Den tragischen Vorfall bei Germanwings als Rechtfertigung für völlig überzogene Datensammelwut zu missbrauchen, halte ich für untragbar und in höchstem Maße pietätlos", kritisiert Schwarcz. "Die Ermittlungen nach dem Germanwings-Absturz sind noch lange nicht abgeschlossen. Wenn dieses Ereignis zu einer Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht führt und als Vorwand dient, aus PilotInnen, FlugbegleiterInnen oder FluglotsInnen gläserne PatientInnen zu machen,  wird das nicht zu mehr, sondern zu wesentlich weniger Sicherheit in der Luftfahrt führen!", so der Gewerkschafter.

Recht auf Vertraulichkeit

Nur bei einer Schweigepflicht sei sichergestellt, dass PilotInnen, FluglotsInnen oder FlugbegleiterInnen ein Vertrauensverhältnis zu ihren FliegerärztInnen aufbauen und offen über ihren gesundheitlichen Zustand berichten können, betont Schwarcz. "Wenn ein Arzt von der Schweigepflicht entbunden ist, ist das Risiko hoch, dass Probleme verschwiegen werden, weil immer die Angst mitschwingt, dass umgehend der Arbeitgeber informiert wird und niemand weiß, wo die Daten letztlich landen."
Seit fast zwei Jahren tobt mit der heimischen Flugsicherung Austro Control der Streit um Gesundheitsdaten. Rund 80 Flugärzte untersuchen jährlich die Flugtauglichkeit der rund 12.000 heimischen Privat- und Linienpiloten sowie der 300 Fluglotsen. Die Daten werden elektronisch erfasst und landen dann gesammelt bei der Austro Control. Gewerkschafter Schwarcz bekräftigt, dass man "wenn notwendig mit allen gewerkschaftlichen Mitteln" dagegen vorgehen wolle.

 Einzelfall in der EU

„Unseren Informationen zufolge, ist diese an den Tag gelegte Datensammelwut ein beschämender europäischer Einzelfall. In keinem anderen Mitgliedsland der EU verlassen intime medizinische Daten das Haus des betreuenden Arztes und schon gar nicht werden diese wie im Fall der FluglotsInnen an den Arbeitgeber übermittelt", sagt Schwarcz. Die Gewerkschaft hat bereits ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. In Deutschland hat die nationale und unabhängige Behörde ihren niedergelassenen Fliegerärzten übrigens verboten, detaillierte medizinische Personendaten zu übermitteln. „Diensttauglich oder nicht diensttauglich, mehr will die Behörde in Deutschland gar nicht wissen“, unterstreicht Schwarcz.

 Austro Control droht Ärzten mit Lizenzentzug

Auch viele heimische Flugärzte pochen auf die ärztliche Schweigepflicht und halten es für ausreichend, das Gesamtergebnis der Untersuchungen und nicht jedes Detail weiterzugeben. Allerdings: Jenen Ärzten, die nicht alle Einzelheiten übermitteln wollen, droht die Austro Control mit Lizenzentzug. Das heißt: in Zukunft werden die betroffenen Mediziner nicht mehr als flugmedizinische Sachverständige arbeiten.

Betroffene Berufsgruppen wollen Vorschläge vorlegen

Die Gewerkschaft bemüht sich jetzt Lösungen auf den Tisch zu legen. Der stellvertretende vida Vorsitzende, Roman Hebenstreit, will gemeinsam mit Vertretern der betroffenen Berufsgruppen Vorschläge erarbeiten. Dafür wird eine Arbeitsgruppe von betroffenen Berufsgruppen in den Bereichen Luftfahrt, Schiene und Straße gebildet - es geht dabei etwa um PilotInnen, FluglotsInnen, FlugbegleiterInnen, LokführerInnen, FahrdienstleiterInnen, BuschauffeurInnen und FahrerInnen von Gefahrenguttransporten. Die Situation der Betroffenen soll aus gesundheitlicher, psychologischer und insbesondere aus arbeitsrechtlicher Sicht beleuchtet werden. In etwa 14 Tagen sollen erste Ergebnisse präsentiert werden.

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