Rekordtourismus trifft Reallohnverlust: Krisenerzählung darf keine Ausrede für niedrige Löhne sein
Die Nächtigungszahlen im österreichischen Tourismus steigen weiter. Gleichzeitig verlieren Beschäftigte in Hotellerie und Gastronomie real an Kaufkraft. vida fordert: Der Erfolg der Branche muss auch bei jenen ankommen, die ihn täglich erarbeiten.
Tourismus
Der österreichische Tourismus entwickelt sich weiter stark: Von Jänner bis August 2026 wurden 117,89 Millionen Nächtigungen gezählt – um 1,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch die bisherige Sommersaison von Mai bis August liegt mit 63,31 Millionen Nächtigungen um 2,3 Prozent über dem Vorjahr.
Für Eva Eberhart, Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus in der Gewerkschaft vida, passen diese Zahlen nicht zur Krisenerzählung, die von Arbeitgeberseite seit Monaten zu hören ist.
„Ein Rekord jagt den nächsten, die Gästezahlen steigen und Österreich bleibt international gefragt. Gleichzeitig hören wir von Arbeitgeberseite seit Monaten, wie schlecht es den Betrieben angeblich geht. Irgendwann stellt sich schon die Frage, wie glaubwürdig dieses Dauerjammern ist.“
Tourismus-KV: Lohnerhöhung bleibt unter der Inflation
Mit dem neuen Kollektivvertrag steigen die Löhne in Hotellerie und Gastronomie ab Oktober 2026 im Durchschnitt um 3,02 Prozent. In der größten und am niedrigsten entlohnten Lohngruppe beträgt das Plus 3,48 Prozent. Bei einer zugrunde liegenden Inflationsrate von 3,6 Prozent bedeutet das für die Beschäftigten einen realen Kaufkraftverlust.
Dabei sind es die Beschäftigten in Küchen, Service, Housekeeping, an den Rezeptionen und in vielen weiteren Bereichen, die den österreichischen Tourismus tagtäglich möglich machen.
„Die Branchenvertreter sollen endlich aufhören, so zu tun, als wäre es wirtschaftlich unzumutbar, sie anständig zu bezahlen“, fordert Eberhart.
Arbeitsbedingungen verbessern statt Arbeitskräfte importieren
Kritisch sieht vida auch die Strategie, einen vermeintlichen Arbeitskräftemangel verstärkt über Saisonkontingente und die Rot-Weiß-Rot-Karte zu lösen. Gerade in Beherbergung und Gastronomie werden zahlreiche Arbeitskräfte aus Drittstaaten angeworben. Gleichzeitig waren Ende August 375.730 Personen beim Arbeitsmarktservice (AMS) arbeitslos oder in Schulung gemeldet.
Für vida liegt deshalb ein wesentlicher Hebel direkt in den Betrieben: Wer ausreichend Personal finden und langfristig halten will, muss anständige Löhne zahlen und attraktive Arbeitsbedingungen bieten.
„Die Betriebe klagen über Personalmangel, sind aber gleichzeitig nicht bereit, das naheliegendste Mittel dagegen einzusetzen: anständige Löhne und attraktivere Arbeitsbedingungen“, sagt Eberhart. „Wer Menschen für möglichst wenig Geld arbeiten lässt, löst keinen Fachkräftemangel – er hält lediglich den Lohndruck hoch.“
Erfolg im Tourismus muss bei den Beschäftigten ankommen
Auch Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner verweist angesichts der aktuellen Zahlen auf hohe Wertschöpfung und eine starke internationale Nachfrage. Dass die wirtschaftliche Situation einzelner Betriebe unterschiedlich sein kann, steht für vida außer Frage. Eine pauschale Begründung für niedrige Löhne in einer ganzen Branche lässt sich daraus aber nicht ableiten.
„Ein erfolgreicher Tourismus braucht nicht nur volle Betten und volle Gaststuben, sondern auch Beschäftigte, die von ihrer Arbeit gut leben können“, betont Eberhart.
Wer den österreichischen Tourismus langfristig attraktiv und erfolgreich halten will, muss auch in jene Menschen investieren, die diesen Erfolg täglich erarbeiten – mit anständigen Löhnen, besseren Arbeitsbedingungen und mehr Wertschätzung.