Burgenland: Personalnot verschärft sich trotz Rekordzahlen
Steigende Nächtigungszahlen treffen auf sinkende Beschäftigung und wachsenden Personalmangel. Die Gewerkschaft vida fordert faire Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und eine rasche Rückkehr an den KV-Verhandlungstisch.
Tourismus
Der Tourismus im Burgenland verzeichnet starke Zuwächse, gleichzeitig verliert die Branche Beschäftigte. Im Mai 2026 wurden 330.312 Nächtigungen gezählt. Das entspricht einem Plus von 9,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Ankünfte stieg um 7,4 Prozent auf 123.475.
Während die Nachfrage wächst, waren in Hotellerie und Gastronomie im Burgenland im Mai 2026 nur noch 7.649 Personen beschäftigt. Das sind 263 Beschäftigte beziehungsweise 3,3 Prozent weniger als im Mai 2025.
Die Gewerkschaft vida warnt daher vor einer weiteren Verschärfung des Personalmangels. Sie fordert einen vollständigen Ausgleich der Inflation, bessere Arbeitsbedingungen und die Rückkehr der Arbeitgeberseite an den Verhandlungstisch.
Tourismusboom kommt bei Beschäftigten nicht an
Auch österreichweit entwickelt sich der Tourismus wirtschaftlich positiv. Die Wintersaison 2025/26 brachte mit 54,25 Millionen Nächtigungen den höchsten jemals gemessenen Wert für diesen Zeitraum.
„Die Beschäftigten fordern keine Sonderbehandlung, sondern faire Bedingungen und Respekt für ihre Arbeit. Jetzt ist die Wirtschaftskammer am Zug.“vida-Landesvorsitzender im Burgenland
Dieser wirtschaftliche Erfolg steht jedoch im deutlichen Widerspruch zur Situation vieler Beschäftigter. Niedrige Löhne, hohe Arbeitsbelastung, unregelmäßige Arbeitszeiten sowie Dienste an Wochenenden und Feiertagen führen dazu, dass viele Arbeitnehmer der Branche frühzeitig den Rücken kehren.
„Man kann sich nicht als Aushängeschild Österreichs präsentieren und am Ende die Rechnung von den Beschäftigten bezahlen lassen“, kritisiert Berend Tusch, Landesvorsitzender der Gewerkschaft vida im Burgenland.
KV-Verhandlungen nach Abbruch weiterhin festgefahren
Der neue Kollektivvertrag für die Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie hätte bereits mit 1. Mai 2026 in Kraft treten sollen. Eine Einigung konnte bislang jedoch nicht erzielt werden.
Das letzte Angebot der Arbeitgeberseite lag bei einer durchschnittlichen Lohnerhöhung von drei Prozent und damit unter der relevanten Jahresinflation von 3,6 Prozent. Für die Beschäftigten würde dies einen Reallohnverlust bedeuten.
Die Gewerkschaft vida fordert weiterhin einen vollständigen Inflationsausgleich. Konkret sollen die Mindestlöhne in der untersten Lohngruppe um 73 Euro brutto und in der obersten Lohngruppe um 65 Euro brutto steigen.
Besonders relevant ist die unterste Lohngruppe, in der mehr als die Hälfte der Beschäftigten eingestuft ist. Obwohl sich die Verhandlungsteams bereits angenähert hatten, scheiterte ein Abschluss letztlich an vier Euro pro Monat für diese Beschäftigtengruppe.
Betriebe und Beschäftigte brauchen Planungssicherheit
Thomas Priedl, Betriebsratsvorsitzender der Sonnentherme Lutzmannsburg und Mitglied des KV-Verhandlungsteams, kritisiert den Abbruch der Verhandlungen durch die Arbeitgeberseite.
„Es ist unverständlich, dass die Arbeitgeber die Verhandlungen abgebrochen haben. Die Mitarbeiter warten, aber auch die Betriebe brauchen Planungssicherheit“, erklärt Priedl.
Gerade im Tourismus könnten Arbeitsplätze nicht einfach ins Ausland verlagert werden. Umso wichtiger sei es, Beschäftigte langfristig in der Branche und in der Region zu halten.
„Wir wollen wieder an den Verhandlungstisch und einen Abschluss, der den Reallohnverlust ausgleicht“, betont Priedl.
Sorge um ungarische Arbeitskräfte wächst
Die burgenländische Tourismusbranche ist stark auf Beschäftigte aus Ungarn angewiesen. Rund 5.000 Arbeitnehmer aus dem Nachbarland arbeiten derzeit im burgenländischen Tourismus.
Die vida befürchtet, dass in Zukunft bis zu 1.000 dieser Arbeitskräfte wegfallen könnten. Durch die wirtschaftliche Entwicklung und steigende Einkommen in Ungarn könnte eine Rückkehr für viele Beschäftigte attraktiver werden.
„Bei uns werden immer nur Symptome bekämpft, aber nie die Ursachen“, warnt Tusch.
Aus Sicht der Gewerkschaft kann der Arbeitskräftemangel nicht allein durch die Anwerbung neuer Beschäftigter gelöst werden. Entscheidend sei vielmehr, die Arbeitsbedingungen so zu verbessern, dass Arbeitnehmer langfristig in der Branche bleiben.
Kurze Beschäftigungsdauer zeigt strukturelle Probleme
Österreichweit bleiben Beschäftigte durchschnittlich nur 33 Monate in Hotellerie und Gastronomie. Über alle Branchen hinweg liegt die durchschnittliche Beschäftigungsdauer bei 73 Monaten.
Auch saisonbedingte Kündigungen und spätere Wiedereinstellungen sind weiterhin weit verbreitet. Laut WIFO entfallen rund ein Fünftel aller Arbeitslosigkeitstage infolge solcher Kündigungen sowie der damit verbundenen Kosten für Arbeitslosengeld auf den Tourismus.
Weitere strukturelle Probleme zeigen sich bei Kontrollen und Beitragsrückständen. Zwischen 2020 und 2025 wurden in Hotellerie und Gastronomie mehr als 22.000 Kontrollen durchgeführt. Daraus gingen fast 10.000 Strafanträge hervor. Hinzu kommen Beitragsrückstände, Säumniszuschläge und Insolvenzausfälle bei der Österreichischen Gesundheitskasse.
Faire Bedingungen für Lehrlinge und Beschäftigte
Im Burgenland werden derzeit rund 160 Lehrlinge in etwa 50 Lehrbetrieben ausgebildet. Damit junge Menschen nach ihrer Ausbildung im Tourismus bleiben, braucht es aus Sicht der vida langfristige Perspektiven.
Dazu gehören faire Einkommen, planbare Arbeitszeiten, ausreichend Personal, eine geringere Arbeitsbelastung und ein respektvoller Umgang im Betrieb.
„Wir erleben in den Betrieben jeden Tag, mit welchem Engagement die Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Personalknappheit, hohe Arbeitsbelastung und Wochenend- sowie Feiertagsdienste gehören längst zum Alltag“, erklärt Priedl.
vida fordert Rückkehr an den Verhandlungstisch
Die Gewerkschaft vida fordert die Wirtschaftskammer auf, ihre Blockadehaltung zu beenden und die Kollektivvertragsverhandlungen wieder aufzunehmen.
Ein fairer KV-Abschluss sei nicht nur für die Beschäftigten notwendig, sondern auch eine zentrale Voraussetzung dafür, den Personalmangel zu bekämpfen und den Tourismus langfristig abzusichern.
„Die Beschäftigten haben ihre Leistung erbracht. Jetzt ist die Arbeitgeberseite gefordert, diese offene Rechnung zu begleichen und mit einem fairen Angebot an den Verhandlungstisch zurückzukehren“, so Tusch abschließend.