vida nimmt Gesprächsangebot von Staatssekretärin Zehetner an und fordert ehrlichen Dialog
Nach den stockenden Kollektivvertragsverhandlungen im Tourismus reagiert die Gewerkschaft vida mit einem Offenen Brief.
Tourismus-KV
Tourismusvorsitzende Eva Eberhart will die Einladung von Staatssekretärin Elisabeth Zehetner zum Brückenbauen annehmen – fordert aber klare Antworten auf Reallohnverluste und faire Arbeitsbedingungen.
„Ich nehme Ihre Einladung zum Brückenbauen gerne an. Voraussetzung dafür ist aber, dass wir die Realität am Arbeitsmarkt ehrlich benennen und gemeinsam Lösungen entwickeln, die den Beschäftigten ebenso zugutekommen wie der Branche.“Vorsitzende des vida-Fachbereichs Tourismus
vida begrüßt Gesprächsangebot nach festgefahrenen KV-Verhandlungen
Nach den festgefahrenen Kollektivvertragsverhandlungen für die Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie reagiert die Gewerkschaft vida auf den jüngsten Appell von Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner, wieder „Brücken zu bauen“. In einem Offenen Brief erklärt Eva Eberhart, Vorsitzende des vida-Fachbereichs Tourismus, dass sie die Einladung zum Dialog ausdrücklich annimmt.
Gleichzeitig macht die Gewerkschaft deutlich: Ein konstruktives Gespräch kann nur gelingen, wenn die tatsächlichen Herausforderungen der Branche offen angesprochen werden – insbesondere die drohenden Reallohnverluste für Beschäftigte und die Arbeitsbedingungen im Tourismus.
Faire Löhne statt Reallohnverluste
Die vida verweist darauf, dass die Beschäftigten den wirtschaftlichen Erfolg des österreichischen Tourismus erst möglich machen. Gerade deshalb sei es nicht akzeptabel, dass Menschen mit niedrigen Einkommen einen Kollektivvertragsabschluss hinnehmen sollen, der ihre Kaufkraft weiter schmälert.
Die Gewerkschaft fordert daher weiterhin einen fairen KV-Abschluss, der insbesondere Beschäftigte in den unteren Lohngruppen vor Reallohnverlusten schützt.
Rot-Weiß-Rot-Karte an faire Arbeitsbedingungen knüpfen
Ein weiteres zentrales Thema des Offenen Briefes ist die Arbeitskräftepolitik. Die vida spricht sich dafür aus, die Rot-Weiß-Rot-Karte künftig an faire Arbeitsbedingungen und angemessene Entlohnung zu koppeln. Nur so könne verhindert werden, dass der Fachkräftemangel durch Lohndruck statt durch bessere Arbeitsbedingungen bekämpft wird.
Aus Sicht der Gewerkschaft braucht der Tourismus nicht nur mehr Beschäftigte, sondern vor allem Arbeitsplätze, die langfristig attraktiv sind – mit fairer Bezahlung, planbaren Arbeitszeiten und guten Rahmenbedingungen.
Dialog muss konkrete Verbesserungen bringen
Die Gewerkschaft vida sieht das Gesprächsangebot der Staatssekretärin als Chance, den festgefahrenen Konflikt wieder in Bewegung zu bringen. Entscheidend sei jedoch, dass der Dialog nicht bei Symbolik stehen bleibt, sondern zu konkreten Verbesserungen für die Beschäftigten und damit auch für die Zukunft des Tourismusstandorts Österreich führt.
Der Offene Brief im Wortlaut:
Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Zehetner,
Sie haben recht: Die Stärke der Sozialpartnerschaft beweist sich in der Krise, nicht in der Komfortzone. Wir nehmen Ihre Einladung, Türen zu öffnen und Brücken zu bauen, sehr gerne an. Um tragfähige Brücken zu bauen, braucht es jedoch ein ehrliches, stabiles Fundament. Wir müssen über die Realität sprechen, die die rund 240.000 Beschäftigten in der Hotellerie und Gastronomie derzeit erleben.
Dass die Fronten verhärtet sind, ist nicht etwa auf unvernünftiges Handeln der Gewerkschaft zurückzuführen. Vielmehr spüren die Beschäftigten, dass ihre Löhne kaufkraftbereinigt und real sinken. Wenn das letzte Angebot der Arbeitgeberseite nicht einmal die Teuerung abdeckt, müssen wir nicht über eine „Überforderung der Betriebe“ reden, sondern über eine drohende Verarmung von Menschen, die das Rückgrat unseres Tourismus bilden. Motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Sie völlig zu Recht als Basis jedes Erfolgs nennen, gibt es nur, wenn sie von ihrer Arbeit auch leben können.
RWR-Card an veränderte Rahmenbedingungen anpassen
Brückenbauen bedeutet für uns auch, über die verfehlte Arbeitsmarktpolitik zu sprechen. Bei den KV-Gesprächen lagen die Positionen zuletzt nur noch um wenige Eurobeträge auseinander. Doch gleichzeitig erhalten Betriebe durch das aktuelle System der Rot-Weiß-Rot-Card weiterhin das Signal, dass sie bei einer ausbleibenden Einigung einfach auf billigere Arbeitskräfte aus Drittstaaten zurückgreifen können. Darüber haben Betriebe nach wie vor die Möglichkeit, über Saisonkontingente tausende kurzzeitig Beschäftigte aus Nicht-EU-Ländern anzuwerben. Dadurch sinkt der Anreiz, attraktive Arbeitsplätze und faire Löhne zu schaffen.
Wir fordern Sie daher auf, sich gemeinsam mit uns für eine Anpassung der Rot-Weiß-Rot-Card an die geänderten Rahmenbedingungen einzusetzen: Der Zuzug darf kein Werkzeug für Lohndumping sein, sondern muss strikt an die Einhaltung fairer, branchenüblicher Standards gekoppelt werden. Saisonkontingente in der Tourismusbranche müssen in Anbetracht der aktuellen Arbeitslosenzahlen vollständig gestrichen werden.
Die Absurdität am Arbeitsmarkt: Ein Blick auf die aktuellen Zahlen
Wie dringend ein Kurswechsel ist, zeigen die jüngst veröffentlichten Arbeitsmarktdaten für Juni auf dramatische Weise. Wir sehen einen massiven Anstieg der Frauenarbeitslosigkeit um 5,9 Prozent. Hier schließt sich ein Kreis und die Absurdität der aktuellen Politik wird sichtbar:
Ausgerechnet in der Pflege und im Tourismus – traditionell weiblich geprägte Sektoren – wird händeringend Personal gesucht. Und was macht die Politik? Sie sieht dabei zu, wie die Arbeitslosigkeit unter Frauen im Inland steigt, während gleichzeitig mit enormen Steuermitteln Arbeitskräfte für die Pflege und Tourismus aus Drittstaaten importiert werden. Das ist eine beschäftigungspolitische Geisterfahrt! Es reicht! Wir müssen das vorhandene Potenzial – insbesondere das der Frauen – durch attraktive Rahmenbedingungen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und faire Entlohnung heben, anstatt die Lösung ausschließlich im Arbeitskräfte-Import zu suchen.
Sehr geehrte Frau Staatssekretärin, nutzen wir Ihre offenen Türen. Lassen Sie uns an einen Tisch setzen, um nicht nur über den Tourismus, sondern über die Gesamtsituation der arbeitenden Menschen in diesem Land zu sprechen. Wir sind bereit für den Brückenbau – für gesunde Betriebe, aber vor allem für alle Beschäftigten, die den Tourismus erfolgreich tragen.
Mit freundlichen Grüßen,
Eva Eberhart
Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus der Gewerkschaft vida