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Willkommen im Team Tourismus

Was Fachkräfte brauchen, um zu bleiben - Gewerkschaft vida zu Besuch im Hotel Astoria in Wien.

Coverstory

Lisa Lux

Volle Betten, volle Kassen: Der Tourismus in Österreich boomt. Doch hinter den Kulissen bröckelt mancherorts die Fassade. Lange Arbeitszeiten, wenig Planbarkeit, hoher Druck – viele Beschäftigte verlassen die Hotellerie und Gastronomie, bevor sie richtigangekommen sind. Die Bundesregierung setzt mit der Rot-Weiß-Rot-Card auf Fachkräfte aus dem Ausland. Die Gewerkschaft vida fragt: Warum bleiben nicht die, die schon hier sind?

Fünf Menschen, fünf Geschichten

Früh am Morgen im Herzen Wiens. Vor dem Hotel Astoria ist die Stadt noch halb im Schlaf. Drinnen beginnt der Tag mit dem leisen Klirren von Kaffeetassen, dem Rollen von Wägen über Teppichböden und dem Surren von Aufzügen. Das Hotel ist längst wach – und seine Beschäftigten auch. An der Rezeption begrüßt Bettina Baumgartner neu ankommende Gäste, während Ramiza Jahic in der Beletage die Zimmer kontrolliert. In der Küche bereitet Tomasz Krokosz das Frühstück vor, während Arber Osmani überprüft, ob alles fürs Service bereit ist. Und mittendrin lernt Vivienne Bassler, wie der Hotelbetrieb von A bis Z funktioniert. Fünf Menschen, fünf Geschichten, eine gemeinsame Herausforderung: Die Branche, in der sie arbeiten, sucht händeringend Personal.

Gute Arbeit beginnt bei guten Bedingungen

„Der Fachkräftemangel im Tourismus ist hausgemacht“, sagt Bettina Baumgartner. „Wenn man keine guten Arbeitsbedingungen bietet, gehen Menschen. Punkt.“ Die Wienerin weiß, wovon sie spricht. Schließlich arbeitet sie seit 20 Jahren in der Branche, 15 Jahre davon im Hotel Astoria. Bettinas Arbeitsplatz liegt genau dort, wo sich Wege kreuzen: an der Rezeption. Hier beginnt und endet jeder Aufenthalt. Bettina Baumgartner überprüft Belegungszahlen, Anreisen und Abreisen. Während Gäste einchecken, Telefone klingeln und E-Mails eingehen, behält die Front Office Managerin den Überblick. Sie koordiniert das Team am Empfang, springt ein, wenn es eng wird, und vermittelt zwischen Abteilungen. Bettina Baumgartner wächst mit jeder Herausforderung – und lernt dabei jeden Tag etwas Neues. „Das Einzige, das sich in den letzten Jahren nicht geändert hat, ist, dass sich immer wieder etwas ändert“, lächelt sie. Ihr Lächeln ist professionell, aber nie aufgesetzt. Selbst bei Reklamationen unzufriedener Gäste bleibt ihre Stimme ruhig. Sie weiß: Am Empfang entscheidet sich oft, ob ein Problem als Ärgernis oder als gut gelöste Situation in Erinnerung bleibt. Für viele Gäste ist Bettina Baumgartner das Gesicht, das sie mit dem gesamten Aufenthalt verbinden – und genau das macht ihre Aufgabe so anspruchsvoll wie bedeutend. „Am Ende geht es immer darum, dass sich Menschen willkommen und wohlfühlen.“

Im Hotel Astoria an der Rezeption begrüßt Bettina Baumgartner Gäste aus aller Welt. Sie ist Gastgeberin, Teamleiterin und – wenn nötig – Krisenmanagerin in einem. Lisa Lux

Zwischen hohen Ansprüchen und Gästewünschen

Während in der Hotellobby neue Gäste eintreffen, kontrolliert Ramiza Jahic in der Beletage die ersten Zimmer. Ihr Blick gleitet über frisch bezogene Betten, faltenfreie Kissen, glänzende Armaturen. Sie sieht, was anderen verborgen bleibt: ein Wasserfleck am Spiegel, eine nicht exakt ausgerichtete Bettkante, ein vergessenes Staubkorn auf der Leiste. Ihr Arbeitsplatz ist das ganze Hotel – sie kennt es wie ihre Westentasche. Seit 21 Jahren ist Ramiza Jahic im Astoria beschäftigt, insgesamt 33 Jahre arbeitet sie bereits in der Branche.  Mit Checklisten und ihrem Smartphone in der Hand koordiniert sie das Housekeeping-Team. „In der Suite fehlen noch frische Handtücher und Blumen“, ruft sie einer Kollegin zu. Ramiza Jahic ist für Sauberkeit, Ordnung und Wohlfühlatmosphäre verantwortlich. Dabei arbeitet sie mit ihren Kolleg:innen nach einem strengen Zeitplan und unter körperlicher Belastung. Schließlich gilt es, „125 Zimmer zum Glänzen zu bringen“, sagt die Hausdame mit einem strahlenden Lächeln. Sie wünscht sich eine weitere Arbeitskraft, denn „mehr helfende Hände schaden nie“. Wenn eine Suite früher bezugsfertig sein muss oder ein Gast spezielle Anforderungen hat, organisiert sie Lösungen. Ihr Anspruch ist es, dass Gäste beim Betreten des Zimmers dieses Gefühl haben: Hier stimmt alles. Dabei sind in den letzten Jahren nicht nur die hausinternen Qualitätsanforderungen gestiegen, sondern auch die Wünsche der Gäste, die Ramiza Jahic mit ihrem Team erfüllt – unauffällig und leise im Hintergrund. „Unsere Arbeit wird oft zu wenig geschätzt. Aber ohne die Kraft des Housekeepings läuft kein Hotel.“

Im Hotel Astoria sorgt Hausdame Ramiza Jahic für die richtige Wohlfühlatmosphäre. Dabei arbeitet sie mit ihrem Team oft gegen die Zeit. Lisa Lux

Eingespieltes Team als wichtigste Zutat

Wenn es noch dunkel in den Gästezimmern ist, brennt in der Küche längst Licht. Zwischen Edelstahlflächen und dem rhythmischen Klacken der Messer beginnt für Tomasz Krokosz der Tag mit einem prüfenden Blick auf die Lieferungen: frisches Obst, knackiges Gemüse. Qualität entscheidet sich im Detail – und im ersten Eindruck. Er steht selten still – und oft selbst hinter dem Herd. „Ich liebe es, neue Rezepte auszuprobieren“, lächelt er. Mal kostet er eine Sauce und verändert sie mit einer Prise Salz, mal gibt er präzise Anweisungen. Seine Küche ist ein fein abgestimmtes System – jeder Handgriff sitzt, jedes Teammitglied kennt seinen Platz. Als Küchenchef behält Tomasz Krokosz den Überblick, korrigiert, lobt, greift ein. Während die Gäste nur das fertige Gericht sehen, trägt er die Verantwortung für alles dahinter: Einkauf, Kalkulation, Hygiene, Personal, Kreativität – und den Ruf des Hauses. Dabei kommt der Küchenchef manchmal auch ins Schwitzen. „Personalmangel macht jeden Krankheitsfall zur Belastungsprobe.“ In diesem Fall ist voller Einsatz gefragt: Dienste werden umgeschichtet bzw. selbst übernommen. Tomasz Krokosz weiß, wie anstrengend der Arbeitsalltag sein kann. Er hat auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt, die Branche zu verlassen, aber ist geblieben. „Weil ich meinen Beruf einfach liebe.“ Mittlerweile ist Tomasz Krokosz seit 32 Jahren in der Küche im Einsatz – davon ein halbes Jahr im Hotel Astoria. Was er sich für sich und seine Kolleg:innen wünscht? „Wir arbeiten in der Küche oft im Stehen, unter großer Hitze, heben schwere Töpfe – es ist ein Knochenjob. Damit die dauernde Belastung nicht tief in den Knochen steckt, braucht es auch gute Arbeitsgeräte und ergonomische Arbeitsplätze.“

Küchenchef Tomasz Krokosz kümmert sich im Hotel Astoria um das leibliche Wohl der Gäste. Er und seine Kolleg:innen gehen dabei auch an die Belastungsgrenze. Lisa Lux

Ohne Menschen kein Service

Noch bevor die ersten Gäste den Frühstückssalon betreten, ist er bereits da. Arber Osmani überprüft, ob das Buffet angerichtet ist: knuspriges Gebäck in Reih und Glied, glänzende Obstplatten, Kaffeeduft in der Luft. Sein Arbeitsplatz ist der Raum zwischen Kaffeemaschine und Gästetisch. Der Serviceleiter bewegt sich aufmerksam durch den Saal und reagiert, bevor es jemand aussprechen muss. „Ein guter Service beginnt nicht am Buffet, sondern beim Menschen“, weiß Arber Osmani. Wenn es hektisch wird, bleibt er der ruhige Pol. Mit klaren Anweisungen dirigiert er sein Team wie ein Orchester, damit aus vielen einzelnen Handgriffen ein harmonischer Ablauf entsteht. Als Serviceleiter hat Arber Osmani Personalverantwortung. Er kümmert sich um Ausbildung, Dienstplanerstellung und Recruiting. Der Serviceleiter weiß, dass er nur mit ausreichend Personal das hohe Niveau halten kann. Und er weiß, was es braucht, um in der Branche zu bleiben. „Mehr Geld wäre ein großer und wichtiger Schritt“, sagt er. Seit 23 Jahren arbeitet Arber Osmani im Tourismus, seit einem Jahr im Hotel Astoria. Aber auch er hat intensiv darüber nachgedacht, die Branche zu verlassen. „Ich habe mich schließlich dazu entschieden, zu bleiben – und mit der neuen Position Serviceleiter das neue Abenteuer gerne angenommen“, strahlt er.

Arber Osmani sorgt im Hotel Astoria für guten Service. Der Serviceleiter weiß, dass es dafür vor allem Menschen braucht. Lisa Lux

Neue Fachkräfte am Start

Während Arber Osmani und seine Kolleg:innen im Hotel Astoria bereits viele Jahre in der Branche tätig sind, steht Vivienne Bassler erst am Anfang ihrer Karriere. Sie absolviert derzeit eine Lehre als Hotel- und Gastgewerbeassistentin und lernt im Astoria, wie ein Hotelbetrieb in der Praxis funktioniert. Jeder neue Tag bringt neue Gäste, neue Aufgaben und neue Herausforderungen. „Das macht es abwechslungsreich und spannend – aber auch fordernd“, sagt die Auszubildende. Obwohl sie erst am Berufsanfang steht, spürt sie bereits die Grenzen der Branche. Sie wünscht sich klare Regeln gegen Überstunden und deutlich bessere Bezahlung. „Das gehört zu guten Arbeitsbedingungen einfach dazu.“ Vivienne Bassler steht kurz vor der Lehrabschlussprüfung. Was ihr die berufliche Zukunft bringen wird, weiß sie noch nicht. „Für den Anfang möchte ich im Tourismus bleiben. Aber wer weiß, wohin mich meine berufliche Reise noch führt“, sagt sie mit einem Lächeln.

Starke Stimme für die Belegschaft

Die Reise beginnt und endet an der Rezeption – auch im Hotel Astoria. Bettina Baumgartner weiß, was sie und ihre Kolleg:innen in diesem Haus hält. „Es sind verlässliche Arbeitszeiten, eine gute Bezahlung, ein wertschätzendes Arbeitsklima und die Möglichkeit, aktiv mitzugestalten.“ Apropos, die Front Office Managerin erfüllt nicht nur die Wünsche ihrer Gäste. Als Betriebsrätin kümmert sie sich um die Anliegen ihrer Kolleg:innen. Dabei ist sie nicht nur im Hotel Astoria gefragt, sondern bei allen Beschäftigten der Verkehrsbüro Hospitality, ein Teil des größten Tourismuskonzerns Österreichs. Auf die Frage, warum so viele Menschen die Branche verlassen, hat Bettina Baumgartner eine klare Antwort: „Die Arbeitsbelastung ist hoch. Die Erwartungen der Gäste steigen, ebenso die Lebenshaltungskosten. Beim Geld ist aber nach wie vor Luft nach oben. Für viele ist das Auskommen mit dem Einkommen und das Durchkommen durch den Arbeitstag ein ständiger Balanceakt.“

Bettina Baumgartner ist Betriebsrätin im Hotel Astoria. Ihr zur Seite steht Zentralbetriebsratsvorsitzender Berend Tusch. Sie sind eine starke Stimme für die Beschäftigten der Verkehrsbüro Hospitality und Teil des größten Tourismuskonzerns Österreichs. Lisa Lux

Weil der Mensch zählt

Der Tourismus lebt von Menschen wie Bettina Baumgartner, Ramiza Jahic, Tomasz Krokosz, Arber Osmani und Vivienne Bassler. Wer morgens früh aufsteht und dafür sorgt, dass andere Urlaub machen können, hält die Branche am Laufen. Die Gewerkschaft vida kämpft dafür, dass Politik und Wirtschaft die Basis schaffen, damit Beschäftigte in der Hotellerie und Gastronomie bleiben wollen – und vor allem auch können. Betriebe wie das Hotel Astoria zeigen, dass gute Arbeit möglich ist. Aber es braucht mehr als Auslandsrekrutierung oder Imagekampagnen. Es braucht Menschen, die bleiben – weil sie respektiert, fair bezahlt und gut behandelt werden.

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