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Ohne Beschäftigte läuft im Tourismus gar nichts

Martin Oberfeichtner, BR-Vorsitzender bei JUFA Hotels, über Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel, Work-Life-Balance und den Mut, Nein zu sagen.

vida Hören | Podcast

Gewerkschaft vida

Koffer packen, ab in den Urlaub, abschalten. Für Gäste bedeutet Tourismus Erholung. Für jene, die dafür sorgen, dass der Urlaub funktioniert, sieht die Realität oft ganz anders aus: volle Schichten, kurzfristige Dienstpläne, immer mehr Arbeit für immer weniger Menschen.  Martin Oberfeichtner kennt diese Realität seit Jahrzehnten. Seit 2002 ist er freigestellter Zentralbetriebsratsvorsitzender der JUFA Hotels und damit Ansprechpartner für rund 1.200 Beschäftigte. Sein Grundsatz: Es gibt keine Probleme – nur Herausforderungen. Und die muss man gemeinsam lösen. In unserem Podcast „vidaHören“ spricht Martin Oberfeichtner darüber, was Beschäftigte im Tourismus heute wirklich bewegt. Und warum es längst nicht mehr nur ums Geld geht. Ein Gespräch über Menschen, die dafür sorgen, dass andere Urlaub machen können. Über einen Tourismus, der dringend gute Arbeitsbedingungen braucht. Und über Betriebsratsarbeit, Zusammenhalt und die Kraft der Gewerkschaft.

Das erwartet dich in dieser Podcast-Folge:

  • Warum Planbarkeit der Arbeitszeit für Beschäftigte immer wichtiger wird
  • Wie sich Arbeitsverdichtung und Personalmangel im Tourismus auswirken
  • Warum der Fachkräftemangel auch ein Thema der Arbeitsbedingungen ist
  • Was der Zukunftskollektivvertrag Tourismus für Beschäftigte bringt
  • Warum Betriebsrat und Gewerkschaft gerade in schwierigen Situationen so wichtig sind
  • Weshalb Beschäftigte lernen müssen, klare Grenzen zu setzen und Nein zu sagen
  • Wie sich Künstliche Intelligenz auf die Arbeit im Tourismus auswirken könnte
  • Warum der Mensch als Gastgeber:in auch in Zukunft unverzichtbar bleibt
  • Und warum Martin Oberfeichtner für eine Arbeitswelt kämpft, in der Respekt, faire Bedingungen und ein Leben neben der Arbeit selbstverständlich sind.

Im Tourismus fehlt vor allem eines: Planbarkeit

Die Anliegen der Beschäftigten im Tourismus haben sich verändert. Früher stand für viele die Frage nach einem höheren Einkommen im Mittelpunkt. Heute geht es immer stärker um etwas, das sich nicht einfach nachholen lässt: Zeit. Wann arbeite ich? Wann habe ich frei? Kann ich ein Wochenende mit meiner Familie planen? Kann ich mein Leben rund um meinen Dienstplan organisieren? Für Martin Oberfeichtner ist die Planbarkeit der Arbeitszeit deshalb zu einem der wichtigsten Themen im Tourismus geworden. Gleichzeitig müssen immer weniger Menschen immer mehr Arbeit bewältigen. Die Arbeitsverdichtung nimmt zu. Dabei wäre eine Verbesserung manchmal erstaunlich einfach: vernünftige Dienstpläne, die auch tatsächlich eingehalten werden. Das kostet laut Martin Oberfeichtner vor allem eines nicht: Geld. Was es braucht, ist der Wille zur Planbarkeit.

Wer sich über Fachkräftemangel wundert, muss über Arbeitsbedingungen reden

Der Tourismus sucht Fachkräfte. Gleichzeitig verlassen gut ausgebildete Menschen die Branche. Für Martin Oberfeichtner ist das kein Rätsel. Wenn Menschen keine Perspektive sehen, wenn das Einkommen nicht zum Auskommen reicht und wenn Arbeitszeit und Freizeit kaum planbar sind, darf man sich nicht wundern, wenn Beschäftigte gehen.
Gerade die Corona-Zeit hat gezeigt, wie schnell Menschen der Branche den Rücken kehren können – und wie schwer sie danach zurückzugewinnen sind. Auch bei der Ausbildung sieht Martin Oberfeichtner Handlungsbedarf: Wer Lehrlinge gewinnen will, muss sie ernsthaft ausbilden und darf sie nicht als billige Arbeitskräfte einsetzen. Wer das nicht tut, darf sich über fehlenden Nachwuchs nicht wundern.

Gute Arbeitsbedingungen sind kein Luxus

Die JUFA Hotels und die Gewerkschaft vida haben 2023 den Zukunftskollektivvertrag Tourismus abgeschlossen. Ziel war auch, im Wettbewerb um Beschäftigte einen Vorteil zu schaffen. Dazu gehören unter anderem ein Sonntagszuschlag von 25 Prozent pro Stunde und eine schrittweise zusätzliche Urlaubswoche, die nach 15 Dienstjahren zur sechsten Urlaubswoche führt. Doch für Martin Oberfeichtner ist klar: Ein guter Kollektivvertrag allein reicht nicht. Die Arbeitswelt muss sich weiterentwickeln. Gewerkschaft und Betriebsräte müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass die Bedingungen besser werden und Beschäftigte langfristig in der Branche bleiben.

Betriebsrat heißt: zuhören, dranbleiben, Lösungen finden

Für rund 1.200 Beschäftigte ist Martin Oberfeichtner gemeinsam mit seinem Betriebsratsteam da. Die Themen reichen von Fragen zum Lohnzettel über Stundenabrechnungen und Streitigkeiten im Betrieb bis hin zur Unterstützung bei finanziellen und sozialen Problemen. Betriebsratsarbeit bedeutet für ihn vor allem, zuzuhören und Vertrauen zu schaffen. Der Betriebsrat ist Vermittler zwischen Beschäftigten und Unternehmen – und manchmal auch genau jene Stelle, die Menschen durch schwierige Situationen begleitet. Was ihn dabei antreibt, ist ein ehrliches „Danke“ von einer Kollegin oder einem Kollegen am Ende einer schwierigen Situation.

Die vielleicht wichtigste Botschaft: Lerne, Nein zu sagen

Martin Oberfeichtner gibt Beschäftigten einen einfachen, aber kraftvollen Rat: Grenzen setzen. Wer ständig zusätzliche Aufgaben übernimmt und immer wieder nachgibt, bekommt irgendwann noch mehr aufgeladen. Deshalb müsse man lernen, konsequent Nein zu sagen, wenn etwas nicht passt oder nicht machbar ist. Das ist keine Einladung zum Alleingang. Im Gegenteil: Wer seine Rechte kennt und sich Unterstützung holt, steht nicht allein.

Der Tourismus braucht mehr Respekt

Wer im Hotel arbeitet, sorgt dafür, dass andere abschalten können. Beschäftigte reinigen Zimmer, kochen, bedienen, organisieren, reparieren, empfangen Gäste und lösen Probleme – oft dann, wenn andere frei haben. Für Martin Oberfeichtner braucht es deshalb nicht nur bessere Rahmenbedingungen, sondern auch mehr gesellschaftliche Wertschätzung. Beschäftigte im Tourismus verdienen denselben Respekt wie Beschäftigte in jedem anderen Beruf. Und Respekt bedeutet auch: Grenzen akzeptieren. Denn eines darf nicht vergessen werden: Ohne die Menschen, die den Tourismus am Laufen halten, gibt es keinen Tourismus.

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