Wenn das Leben aus der Spur gerät
Warum Zuhören und Zusammenhalt so wichtig sind – am Arbeitsplatz und darüber hinaus. Krisenbegleiter und Gewerkschafter Thomas Arnesch zu Gast bei „vidaHören".
vida Hören | Podcast
Manchmal verändert ein einziger Moment alles: Der Verlust eines Kindes. Der Tod eines geliebten Menschen. Eine Trennung. Konflikte am Arbeitsplatz. Oder eine Krise, die sich langsam aufbaut, bis irgendwann nichts mehr geht. Was dann hilft? Oft nicht die perfekte Antwort. Sondern ein Mensch, der bleibt, der zuhört, der die Stille aushält, und der gemeinsam mit einem Schritt für Schritt nach vorne schaut. Genau darüber sprechen wir im Podcast „vidaHören“. Zu Gast ist Thomas Arnesch. Er arbeitet bei der Gewerkschaft vida und engagiert sich ehrenamtlich beim Verein Wandelstern, der unter anderem Eltern begleitet, die ihr Kind verloren haben. In der Folge geht es um Krisen, psychische Gesundheit, die Rolle von Betriebsrat und Gewerkschaft – und darum, wo Menschen Halt finden können, wenn das Leben plötzlich aus der Spur gerät.
Wenn es keine richtigen Worte gibt
Was sagt man Eltern, die ihr Kind verloren haben? Thomas Arneschs Antwort ist ebenso einfach wie eindringlich: „Manchmal gibt es keine richtigen Worte. Dann geht es darum, da zu sein, die Stille auszuhalten und gemeinsam herauszufinden: Was braucht dieser Mensch jetzt?“
Der Verein Wandelstern begleitet Menschen und Familien in unterschiedlichen Krisen – individuell und so lange, wie es notwendig ist. Dabei geht es zunächst vor allem um Stabilität, weiß Thomas Arnesch: „Was braucht die betroffene Person jetzt? Was ist der nächste kleine Schritt? Denn in einer schweren Krise muss man nicht sofort wissen, wie das ganze Leben weitergehen soll. Manchmal reicht es, den nächsten Schritt zu schaffen.“
Zuhören statt sofort Antworten geben
Eine Fähigkeit zieht sich durch Thomas Arneschs unterschiedliche Tätigkeiten wie ein roter Faden: das Zuhören. „Wir leben in einer sehr schnelllebigen Welt. Social Media, Nachrichten, Meinungen – ständig prasseln Eindrücke auf uns ein. Was dabei oft verloren geht, ist die Bereitschaft, einem anderen Menschen wirklich zuzuhören.“ Doch gerade in Krisen ist das entscheidend, weiß Thomas Arnesch. „Nicht sofort Lösungen präsentieren, nicht bewerten, nicht sagen: Das wird schon wieder. Sondern erst einmal Raum geben.“
Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche
Auch Thomas Arnesch selbst kennt schwierige Zeiten. Nach einer Trennung merkte er, dass er Unterstützung brauchte. Er sprach mit Freund:innen und suchte sich schließlich professionelle Hilfe. Dabei musste auch er eine persönliche Hürde überwinden: die Vorstellung, gerade weil er selbst im psychosozialen Bereich arbeitet, müsse er seine Probleme alleine bewältigen können.
Heute sieht Thomas Arnesch das anders. „Gerade Männer haben häufig gelernt, funktionieren zu müssen. Gefühle werden eher zurückgehalten, Hilflosigkeit wird als Schwäche erlebt.“ Er möchte diesem Bild etwas entgegensetzen: „Hilfe zuzulassen bedeutet nicht, schwach zu sein. Im Gegenteil. Es braucht Stärke, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und Unterstützung anzunehmen.“
Der persönliche Werkzeugkoffer
Für seine Arbeit verwendet Thomas Arnesch gerne das Bild eines Werkzeugkoffers. Je nach Situation braucht es unterschiedliche Werkzeuge. Ein erstes Werkzeug: sich selbst wahrzunehmen. „Wie geht es mir eigentlich? Was brauche ich gerade? Dazu können ganz einfache Dinge gehören: Bewegung, Sport, Zeit in der Natur. Gerade wenn die Gedanken kreisen und die innere Anspannung steigt, kann es helfen, wieder ins eigene Spüren zu kommen.“
In einer akuten Krise empfiehlt Thomas Arnesch außerdem etwas, das zunächst banal klingt, aber Sicherheit geben kann: eine Tagesstruktur. „Aufstehen. Frühstücken. Arbeiten. Das Bett machen. Einen Plan für den Tag haben. Strukturen, die im normalen Alltag selbstverständlich sind, können Halt geben, wenn sich innerlich alles unsicher anfühlt.“
Psychische Gesundheit endet nicht am Arbeitsplatz
Für Thomas Arnesch ist auch die Verbindung zwischen psychosozialer Arbeit und Gewerkschaft offensichtlich. Denn Probleme am Arbeitsplatz bleiben selten ausschließlich am Arbeitsplatz. „Konflikte mit Vorgesetzten, finanzielle Sorgen oder die Angst um den eigenen Job können massive Auswirkungen auf das Privatleben und die psychische Gesundheit haben. Umgekehrt kann eine private Krise dazu führen, dass Menschen plötzlich nicht mehr jene Leistung erbringen können, die man von ihnen gewohnt ist.“
Gerade dann entsteht zusätzlicher Druck, weiß Thomas Arnesch. „Man hat vielleicht einen Menschen verloren, befindet sich in einer Trennung oder steckt in einer anderen persönlichen Krise – und soll gleichzeitig im Job weiter funktionieren.“ Er erlebt, dass dieser Druck die Situation noch verschärfen kann: Schlafprobleme, Überforderung und Existenzängste können sich gegenseitig verstärken.
Deshalb braucht es auch in der Arbeitswelt mehr Bewusstsein für psychische Gesundheit. Betriebsrät:innen und Gewerkschaften können dabei wichtige Anlaufstellen sein. Konflikte früh anzusprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, kann verhindern, dass Probleme eskalieren. Denn gute Arbeitsbedingungen bedeuten auch, dass Menschen in schwierigen Lebensphasen Unterstützung finden und psychische Belastungen nicht zum Tabuthema werden.
Nicht alles alleine tragen
Eine der wichtigsten Botschaften des Gesprächs im Podcast lautet deshalb: „Wenn es dir nicht gut geht, hol dir Unterstützung!“ Bei Kolleg:innen, bei Freund:innen und Familie, beim Betriebsrat, bei der Gewerkschaft oder bei professionellen Beratungsangeboten. Denn das Gefühl, mit einer Krise ganz alleine zu sein, kann täuschen, weiß Thomas Arnesch. „Es gibt Menschen, die zuhören. Menschen, die begleiten. Und Menschen, die helfen können, wieder einen nächsten Schritt zu finden.“
Ein Lichtblick: Es geht weiter
Thomas Arnesch hat in seiner Arbeit Situationen erlebt, die kaum vorstellbar sind. Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben. Familien, die innerhalb kürzester Zeit mit dem Tod mehrerer Angehöriger konfrontiert waren. Eltern, die ihr Kind verloren haben. Und trotzdem hat er immer wieder etwas erlebt, das ihn selbst berührt: Hoffnung.
Nicht unbedingt die Hoffnung, dass alles wieder so wird wie vorher. Sondern die Gewissheit, dass das Leben trotz allem irgendwie weitergehen kann. „Ich weiß zwar nicht wie, aber es geht weiter“, erzählt Thomas Arnesch von einem Menschen, den er nach einem Schicksalsschlag begleitet hat. Vielleicht ist genau das die Botschaft, die von diesem Gespräch im Podcast bleibt: Man muss in einer Krise nicht sofort den ganzen Weg sehen. Es reicht, den nächsten Schritt zu finden. Und manchmal braucht es dafür jemanden, der ein Stück des Weges mitgeht.