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Die Welt mit anderen Sinnen sehen

vida-Mitglied Franz Kirnbauer ist blind und spricht bei "vidaHören" über Barrieren, Mut, Inklusion und Solidarität.

vida Hören | Podcast

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„Dem Blinden fehlt ein Sinn – aber vier bleiben“, sagt vida-Mitglied Franz Kirnbauer im Podcast „vidaHören“ – und eröffnet damit eine Perspektive, die vertraute Vorstellungen ins Wanken bringt. Wie nimmt ein Mensch die Welt wahr, der nie gesehen hat? Diese Frage steht am Anfang eines Gesprächs, das schnell deutlich macht: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Nicht-Sehen – sondern in den Barrieren unserer Gesellschaft.

Wahrnehmung ist mehr als Sehen

Während unsere Welt immer visueller wird, zeigt Franz Kirnbauer, dass Wahrnehmung vielschichtig ist: Geräusche, Gerüche, Berührungen und Atmosphären formen ein Gesamtbild. Räume werden nicht nur gesehen, sondern gespürt. Natur ist nicht nur ein Anblick, sondern ein Erlebnis. Das bedeutet nicht weniger Wahrnehmung – sondern oft eine andere.

Zwischen Förderung und Ausgrenzung

Franz Kirmbauer wächst in der Steiermark auf – in einem Umfeld, das ihn nicht einschränkt, sondern stärkt. Seine Familie fördert ihn, ohne ihn zu überbehüten. Ein entscheidender Unterschied. Denn er erlebt später auch die andere Realität: Kinder, die aus Angst vor Gefahren isoliert werden und erst spät soziale Kontakte knüpfen können. Seine Geschichte zeigt: Inklusion beginnt im Alltag – und in der Haltung der Menschen.

Der lange Weg in die Arbeitswelt

400 bis 500 Bewerbungen. Kaum Antworten. Viele Absagen. Der Einstieg ins Berufsleben ist für Franz Kirmbauer ein Kampf gegen Vorurteile. Doch er gibt nicht auf. Mit Unterstützung und enormer Ausdauer gelingt ihm schließlich der Einstieg – und eine Karriere, die über vier Jahrzehnte umfasst. Besonders prägend: der Kampf um die Zulassung zu einer Dienstprüfung. Was für andere selbstverständlich ist, wird für ihn zur Grundsatzfrage. Er besteht – und verändert damit nicht nur seine eigene Situation, sondern auch die Sichtweise seines Umfelds.

Barrieren entstehen im Kopf

Technische Lösungen gibt es viele. Doch die größten Hindernisse sind oft unsichtbar. Vorurteile, Unsicherheiten und falsche Annahmen prägen den Alltag mehr als fehlende Infrastruktur. Menschen werden verglichen, kategorisiert oder unterschätzt. Franz Kirmbauer bringt es auf den Punkt: Nicht „die Blinden“ gibt es – sondern individuelle Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten.

Alltag im öffentlichen Raum: Kleine Hürden, große Wirkung

Besonders deutlich wird das im öffentlichen Verkehr. Blindenleitsysteme werden blockiert. Durchsagen fehlen. Orientierung wird erschwert. Was für viele nebensächlich erscheint, entscheidet für andere über Selbstständigkeit. Sein prägnanter Vergleich bleibt hängen: „Lautsprecheransagen sind die Monitore der Blinden.“ Ein Satz, der zeigt, wie wichtig barrierefreie Information für alle ist.

Technologie als Schlüssel – mit Grenzen

Digitale Hilfsmittel haben vieles verändert: Screenreader, Braillezeilen, Smartphones. Sie ermöglichen Teilhabe, Zugang zu Information und Selbstständigkeit. Doch nicht alles ist gelöst – besonders grafische Inhalte bleiben eine Herausforderung. Barrierefreiheit ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein laufender Prozess.

Drei Wünsche für die Zukunft

Am Ende formuliert Franz Kirmbauer drei Wünsche – an Gesellschaft, Politik und Wirtschaft:

  • Mehr Achtsamkeit im Alltag
  • Entscheidungen im Sinne der Menschen
  • Respekt statt reiner Leistungslogik

Es sind einfache Forderungen – und zugleich grundlegende.

Perspektivenwechsel als Chance

Dieses Podcast-Gespräch zeigt: Barrierefreiheit betrifft nicht nur eine Minderheit. Sie ist ein Maßstab dafür, wie inklusiv eine Gesellschaft wirklich ist. Wer beginnt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, erkennt schnell: Viele Hürden wären vermeidbar – mit mehr Bewusstsein, Rücksicht und Offenheit. Oder, wie Franz Kirmbauer es indirekt vermittelt: Es geht nicht darum, anders zu sehen. Sondern darum, anders hinzusehen.