7 Forderungen zur Rettung des europäischen Schienengüterverkehrs
Sinkende Marktanteile, gefährdete Arbeitsplätze und drohende Verlagerungen auf die Straße: Die Europäische Transportarbeiter-Föderation legt einen umfassenden Forderungskatalog für die Zukunft des Schienengüterverkehrs vor.
ETF
Die ETF Sektion Eisenbahn verabschiedete am 27. Mai 2026 in Tiflis ein Statement mit 7 Forderungen zur Rettung des Schienengüterverkehrs in Europa. Dieser steckt in einer sich zuspitzenden Krise – sein Anteil sinkt seit Jahrzehnten, trotz seiner Schlüsselrolle für Klima, Industrie und Zusammenhalt. Die Schiene entlastet Straßen, senkt Emissionen und trägt zentrale europäische Lieferketten, doch diese Bedeutung spiegelt sich politisch und finanziell kaum wider.
Die ETF, die Eisenbahnbeschäftigte aus 29 Ländern vertritt, warnt unter dem Vorsitz des ETF Eisenbahn Präsidenten Gerhard Tauchner vor einem drohenden strukturellen Kollaps der Schienengüterverkehrskapazitäten – bis hin zum Verschwinden des Einzelwagenladungssystems, das für Industrie und Versorgung essenziell ist.
Die ETF Sektion Schiene fordert daher:
1. Anerkennung des Schienengüterverkehrs als öffentliche Dienstleistung
Angesichts seines wichtigen Beitrags für Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt fordert die ETF die EU-Institutionen und Mitgliedstaaten auf, den Schienengüterverkehr als Dienstleistung von öffentlichem Interesse anzuerkennen. Dies soll eine langfristige öffentliche Verantwortung und Finanzierung sichern, um Kapazitäten zu erhalten, die Versorgung zu gewährleisten und die Klima- und Industrieziele Europas zu unterstützen.
2. Eine kohärente langfristige Strategie, gestützt durch nachhaltige öffentliche Investitionen
Öffentliche Verantwortung für zentrale Güterverkehrsfunktionen ist unerlässlich, um die Kontinuität wichtiger Dienstleistungen auch dort sicherzustellen, wo sie wirtschaftlich nicht rentabel sind. Daher fordert die ETF ein Governance-Modell, das langfristige Planung und Versorgungssicherheit gewährleistet, sowie die Aufhebung aller Beschränkungen für staatliche Beihilfen im Schienengüterverkehr durch die Europäische Kommission.
3. Strategische Unterstützung für den Einzelwagenverkehr
Der Einzelwagenverkehr ist unverzichtbaren Bestandteil der europäischen Industrie- und Logistikinfrastruktur hervor. Er ermöglicht die Anbindung regionaler Unternehmen und Industrien, die keine Ganzzüge auslasten können, und fungiert zugleich als wichtiger Zubringer für größere Zugverkehre. Ein Wegfall des EWV würde erhebliche Güterströme auf die Straße verlagern, mit negativen Folgen für Klima, Infrastruktur und regionale Wirtschaftsräume. Da alle Segmente des Schienengüterverkehrs eng miteinander verknüpft sind, würde der Wegfall des EWV die Leistungsfähigkeit des gesamten Systems Schiene gefährden.
4. Kooperation statt Wettbewerb als Grundlage eines europäischen Schienengüterverkehrsnetzes
Der Schienengüterverkehr kann nur als kooperatives Netzwerk funktionieren kann. Zusammenarbeit, Interoperabilität und multimodale Integration müssen gezielt gefördert werden. Dazu gehören die bessere Anbindung von Häfen, Logistikzentren und Industrieregionen, die stärkere Einbindung großer Logistikakteure in den ökologischen Wandel sowie die Förderung des kombinierten Verkehrs. Da der Wettbewerb die erwartete Verkehrsverlagerung nicht erreicht hat, müssen Zusammenarbeit und öffentliche Verantwortung stärker in den Mittelpunkt der europäischen Verkehrspolitik zu stellen.
5. Arbeitsbedingungen: die Grundlage für Sicherheit und Qualität
Der Schienengüterverkehr kann ohne seine Beschäftigten nicht wachsen. Doch die Arbeitsbedingungen haben sich unter dem Wettbewerbsdruck verschlechtert, was zu Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Arbeitskräfte geführt hat.
Daher fordert die ETF eine verlässliche Erfassung von Arbeits- und Ruhezeiten, angemessene Arbeitsbedingungen und sanitäre Einrichtungen, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, hochwertige und europaweit standardisierte Ausbildungen sowie den Einsatz neuer Technologien zur Verbesserung von Sicherheit und Verringerung der körperlichen Belastung. Ein nachhaltiger Schienengüterverkehr setzt menschenwürdige Arbeit voraus.
6. Gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Verkehrsträger
Europa braucht eine integrative Verkehrspolitik, die jeden Verkehrsträger und dessen Vorteile in Bezug auf soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit wertschätzt. Der Schienengüterverkehr steht in einem aussichtslosen Wettbewerb mit Verkehrsträgern, bei denen Sozialdumping weit verbreitet ist und Umweltkosten externalisiert und von der Gesellschaft getragen werden. Eine glaubwürdige Strategie zur Verkehrsverlagerung muss daher faire Wettbewerbsbedingungen durch die Internalisierung externer Kosten, eine konsequente Durchsetzung sozialer und ökologischer Standards im Straßenverkehr, eine gerechte Besteuerung sowie die systematische Einbindung der Schiene in Logistik- und Standortentscheidungen beinhalten. Nur so kann die angestrebte Verkehrsverlagerung auf die Schiene gelingen.
7. Solidarität mit den Beschäftigten und ein Aufruf zu dringendem Handeln
Die ETF erklärt ihre volle Solidarität mit den Beschäftigten und Gewerkschaften im Schienengüterverkehr, die sich für den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Zukunft des Sektors einsetzen. Umstrukturierungen müssen sozialverträglich gestaltet werden, Entlassungen vermeiden sowie Sicherheit und langfristige Stabilität gewährleisten.
Der Schienengüterverkehr ist ein zentraler Baustein eines nachhaltigen, resilienten und sozial gerechten Verkehrssystems. Die Zeit für schrittweise Anpassungen ist vorbei. Europa muss jetzt entschlossen und kohärent handeln, um die Zukunft des Schienengüterverkehrs und der Beschäftigten, die ihn ermöglichen, zu sichern.