Wir halten den Handel am Laufen
Die Beschäftigten im Lidl-Logistikzentrum sorgen dafür, dass die Regale voll sind und wir Tag für Tag frische Waren einkaufen können.
Reportage
Brot, Milch, Eier, Obst, Gemüse: Im Supermarkt greifen wir ganz selbstverständlich ins Regal. Doch bevor ein Produkt dort landet, hat es viele Hände passiert. Im Lidl-Logistikzentrum Großebersdorf wird Ware angenommen, kontrolliert, bewegt, kommissioniert und für die Auslieferung vorbereitet. Viele Menschen sorgen dafür, dass Paletten zur richtigen Zeit am richtigen Ort stehen, Retouren wieder verkauft werden können und Maschinen funktionieren. Am Ende muss alles dort ankommen, wo es gebraucht wird: in den Filialen. Das bedeutet körperliche Arbeit, Konzentration und Tempo. Es bedeutet, sich auf Kolleg:innen verlassen zu können. Und es bedeutet auch, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen.
Mensch vor Maschine
„Die Mitarbeiter:innen bei uns im Logistikzentrum leisten Unglaubliches“, sagt Manuel Pospisil, Betriebsratsvorsitzender der Arbeiter:innen bei Lidl Österreich. Er weiß, wovon er spricht. Seit 2010 arbeitet Manuel bei Lidl. Begonnen hat er als Kommissionierer, später wurde er Gruppenleiter. 2014 war er an der Wahl und Gründung des ersten Betriebsrats bei Lidl Österreich beteiligt. Heute ist er als Betriebsratsvorsitzender in den drei österreichischen Logistikzentren unterwegs. Dass Manuel geblieben ist, hat auch mit den Menschen zu tun. „Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten“, sagt er. Im Logistikzentrum Großebersdorf arbeiten rund 400 Menschen aus 30 verschiedenen Nationalitäten zusammen. Viele Berufsgruppen greifen ineinander: von Staplerfahrer:innen und Kommissionierer:innen bis zu IT, Reinigung und Entsorgung.
Muskelkraft und Köpfchen
Für Manuel wird besonders deutlich, was die Arbeit im Logistikzentrum bedeutet, wenn er betrachtet, was am Ende des Prozesses in den Filialen ankommt. „Die Mitarbeiter:innen bewegen tagtäglich Tonnen an Ware“, erzählt er. Lebensmittel, Rasenmäher, Zahnbürsten, Hundefutter – kurz: alles, was später in den Filialen verkauft wird. Was für Kund:innen am Ende selbstverständlich aussieht, beginnt hier im Logistikzentrum: „Ohne uns gäbe es die Filiale so gar nicht.“ Von Großebersdorf aus werden mehr als 100 Filialen beliefert. Als Herzstück des Logistikzentrums gilt ein 40 Meter hohes, automatisiertes Hochregallager mit 50.000 Stellplätzen.
Arbeitsplatz in luftigen Höhen
Attila ist seit fünf Jahren bei Lidl Österreich beschäftigt. Hauptsächlich arbeitet er als Kommissionierer. Wenn jemand krank ist oder Urlaub hat, springt er auch als Staplerfahrer oder Schnellläufer ein. Flexibilität gehört zu seinem Arbeitsalltag. Besonders gerne sitzt Attila am Stapler. „Ich liebe das Fahrzeug. Das macht mir Spaß.“ Mit seinem Fahrzeug arbeitet er auch im Hochregal. Bis zu zwölf Meter hoch geht es dort hinauf. Paletten werden eingelagert oder heruntergeholt, während gleichzeitig Kommissionierer:innen in den Gängen unterwegs sind. „Während der Arbeit muss man immer viel aufpassen“, sagt Attila. Abstand halten, Kolleg:innen im Blick behalten und Paletten sicher bewegen: Was nach Routine aussieht, verlangt Erfahrung und Aufmerksamkeit.
Attila mag seine Tätigkeit. Wenn er auf dem Stapler sitzt, fühlt er sich frei. „Für dieses Fahrzeug bin ich geboren“, sagt er und lacht. „Da kann ich ganz ich selbst sein.“ Doch die Arbeit ist mehr als der Umgang mit Maschinen. Sie ist ein Teil einer Versorgungskette, die erst dann sichtbar wird, wenn sie nicht funktioniert. „Unsere Arbeit ist wichtig“, sagt Attila. Schließlich werden im Logistikzentrum die Filialen mit den Produkten versorgt. „Ohne die Menschen hier würden die Regale nicht gefüllt. Kein Brot wäre da, wenn wir unsere Arbeit hier im Lager nicht machen würden“, bringt es Attila auf den Punkt.
Alles in Bewegung
Auch bei Maria steht die Bewegung im Mittelpunkt. Sie arbeitet seit mehr als zwei Jahren in der Retourenabteilung von Lidl Österreich. Marias Arbeitstag beginnt mit zwei Scannern. „Einloggen, Band starten – und schon geht es los“, sagt sie mit einem Lächeln. Scannen, sortieren, verpacken, schlichten, abräumen und ordnen gehören zu ihren Aufgaben. „Die Retouren sind die Waren, die zurückkommen“, erklärt Maria. Was zurückkommt, wird geprüft, aufbereitet und wieder für den Verkauf hergerichtet. Damit bekommt die Ware eine zweite Chance – und Kund:innen finden Produkte wieder im Geschäft.
„Unsere Arbeit hier ist ganz wichtig“, weiß Maria. „Die ganze Ware, die zurückkommt – was passiert sonst mit ihr?“ Maria arbeitet gerne in der Retourenabteilung. Sie mag die Bewegung und besonders das Scannen. Noch wichtiger ist für sie aber das Team: „Der Zusammenhalt von den Arbeitskolleg:innen ist ganz toll und stark hier.“ Für Maria stimmt das Gesamtpaket: die Tätigkeit, die Abwechslung und vor allem das Miteinander. Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen hält Maria Waren in Bewegung und die Versorgungskette am Laufen.
Mitbestimmung macht den Unterschied
Für Manuel ist die Arbeit im Logistikzentrum untrennbar mit der Frage verbunden, wer die Interessen der Beschäftigten vertritt. 2014 wurde bei Lidl Österreich der erste Betriebsrat gegründet. Eine besondere Bewährungsprobe kam kurz darauf, als der Logistikstandort vom Burgenland nach Niederösterreich verlegt wurde. „Da war für uns als Betriebsrat klar: Jetzt müssen wir liefern. Jetzt kommt’s auf uns an!“ Gemeinsam mit der Gewerkschaft vida verhandelte der Betriebsrat einen Sozialplan. „Das war unser erster Meilenstein“, sagt Manuel. Für die Beschäftigten konnte dabei viel erreicht werden. Für ihn zeigt sich daran, warum Mitbestimmung wichtig ist: Beschäftigte brauchen jemanden, der ihre Interessen vertritt – und sie müssen selbst mitreden können. „Es ist wichtig, dass es einen Betriebsrat gibt, weil die Menschen jemanden brauchen, der für sie einsteht.“
Heute kommen Kolleg:innen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zu Manuel und seinem Betriebsratsteam. Es geht um Dienstpläne und Urlaub, um Altersteilzeit oder ein Sabbatical – manchmal auch um sehr persönliche Sorgen. „Wenn die Mitarbeiter:innen ein offenes Ohr brauchen, sind wir als Betriebsrat da.“ Maria hat diese Unterstützung selbst schon in Anspruch genommen. Vor Kurzem wollte sie wissen, wie es mit der sechsten Urlaubswoche aussieht. „Es ist immer gut, wenn man jemanden bei der Hand hat, den man fragen kann, wenn man etwas braucht.“ Für sie ist genau das die Stärke des Betriebsrats: Es gibt jemanden, der zuhört und Antworten sucht. „Was viele Leute nicht wissen, weiß der Betriebsrat. Und das find ich super.“
Gemeinsam noch stärker
Manuel betont dabei auch die Rolle der Gewerkschaft. Bei der Gründung des Betriebsrats und später bei den Verhandlungen über den Sozialplan war die vida an seiner Seite. Auch bei den Kollektivvertragsverhandlungen für die Handelsarbeiter:innen ist für ihn klar: Betriebsrat und Gewerkschaft gehören zusammen. „Alleine bist du oft auf verlorenem Posten. Die Gewerkschaft steht hinter dir, neben dir, vor dir – und das ist unbezahlbar.“
Das ist für Manuel keine Floskel. Er kennt die Arbeit im Lager aus eigener Erfahrung. Er kennt den Zeitdruck, die Abläufe und die unterschiedlichen Menschen, die hier jeden Tag zusammenarbeiten. Und er weiß: Gute Arbeit braucht nicht nur funktionierende Abläufe. Sie braucht auch faire Bedingungen und eine Stimme für jene, die diese Arbeit leisten.
Was gute Arbeit wert ist
So unterschiedlich Attilas, Marias und Manuels Aufgaben sind – bei einem Thema sind sie sich einig: Gute Arbeit soll auch entsprechend anerkannt werden. „Ein bisschen mehr Geld schadet nicht“, sagt Attila. Auch Maria findet: „Es ist doch nicht zum Rausschmeißen, das Geld.“ Manuel formuliert den Wunsch für die Kollektivvertragsverhandlungen entsprechend deutlich: Wertschätzung für die Menschen, die in dieser Branche arbeiten – und mehr Geld zum Leben. Denn Wertschätzung zeigt sich nicht nur in Worten. Sie zeigt sich am Einkommen, an den Arbeitsbedingungen und an der Möglichkeit, bei Entscheidungen mitzureden.
Hinter jedem vollen Regal stehen Menschen
Wer durch das Lidl-Logistikzentrum Großebersdorf geht, sieht zunächst vor allem Ware: Paletten, Regale, Förderbänder, Stapler. Doch hinter jedem dieser Dinge stehen Menschen. Menschen, die früh am Morgen ihre Scanner holen und das Band starten. Menschen, die zwölf Meter hoch Paletten bewegen. Menschen, die tonnenweise Ware kommissionieren. Menschen, die Retouren wieder für den Verkauf vorbereiten. Menschen, die dafür sorgen, dass die Technik läuft. Und Menschen, die dafür kämpfen, dass die Beschäftigten gehört werden.
Logistik in Zahlen
- 400 Menschen aus 30 Nationalitäten arbeiten im Lidl-Logistikzentrum Großebersdorf zusammen.
- 12 Meter hoch reichen die Regale im Hochregallager.
- 3 Logistikzentren betreibt Lidl Österreich.
- Tonnenweise Ware bewegen die Beschäftigten täglich.
- Viele Berufsgruppen, ein Ziel: Staplerfahrer:innen, Kommissionierer:innen, Retouren- und Entsorgungsmitarbeiter:innen, Reinigungskräfte, IT-Techniker:innen und viele weitere Beschäftigte sorgen gemeinsam dafür, dass die Filialen beliefert werden.
- 1 Betriebsratsteam als Ansprechpartner für die Beschäftigten – etwa bei Fragen zu Urlaub, Dienstplänen, Altersteilzeit, Sabbatical oder anderen Anliegen.
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