Auf der sicheren Seite
Sie sorgen für unsere Sicherheit - wir sorgen für gute Arbeit.
Coverstory
Noch bevor die meisten Menschen ihren Tag beginnen, sind sie schon unterwegs. Wenn andere längst schlafen, gehen sie Streife, kontrollieren Zugänge, sitzen in Portierlogen, beobachten Bildschirme und reagieren auf Alarme. Sie sind da, wenn etwas passiert – und vor allem dann, wenn nichts passieren darf. Beschäftigte im Sicherheits- und Bewachungsgewerbe halten einen großen Teil unseres Alltags im Hintergrund stabil: bei öffentlichen Einrichtungen, in Betrieben, auf Baustellen, in Logistikzentren oder bei großen Veranstaltungen. Ihre Arbeit fällt selten auf – aber sie fehlt sofort, wenn sie nicht da ist. Charlotte Rentsch und Dominik Köller sind zwei Stimmen aus einer Branche, die viel trägt – und darüber oft zu wenig spricht. Sie erzählen von Verantwortung, die selbstverständlich wirkt, aber nie leicht ist. Von Tagen, die durchgetaktet sind. Von Nächten, die lang werden. Und von einer Arbeit, die Sicherheit schafft – für alle anderen.
Unsichtbar, aber unverzichtbar
Es ist früh am Morgen in einem Bahnhof. Menschen eilen mit Kaffeebecher in der Hand durch die Hallen, Rollkoffer rattern über den Boden, Züge fahren ein und aus. Für die meisten beginnt der Tag mit Bewegung. Für andere beginnt er mit Beobachtung. Weiter entfernt, im Flughafenterminal, laufen die ersten Sicherheitskontrollen. In einem Krankenhaus wird eine Nachtübergabe gemacht. In einem Stadion werden Tore geöffnet, bevor Tausende Menschen zu einem Fußballspiel strömen. Sie sind da, bevor etwas passiert. Und auch dann, wenn tatsächlich etwas passiert. Beschäftigte im Sicherheits- und Bewachungsgewerbe sorgen an vielen Orten dafür, dass der Alltag reibungslos funktioniert, an denen sich viele Menschen gleichzeitig bewegen – im öffentlichen Verkehr, an Flughäfen, in Spitälern, auf Baustellen, in Logistikzentren oder bei großen Events wie dem Eurovision Song Contest, der heuer in Wien stattfand. Die internationale Musikveranstaltung ist mittlerweile über die Bühne gegangen, die Bilder aus dem Rampenlicht sind verblasst. Zurück bleibt der Alltag einer Branche, die nicht im Fokus steht: Schichtarbeit, wechselnde Einsatzorte, hohe Verantwortung und ein Arbeitsrhythmus, der sich selten nach dem Leben richtet – sondern nach dem Bedarf der Sicherheit.
Erste Anlaufstelle für viele(s)
Dominik Köller ist seit knapp zwei Jahren Teil dieser Arbeitswelt. „Ich wollte mich beruflich verändern und etwas Neues ausprobieren“, sagt er. „Und ich habe viel Positives von Bekannten und Freunden über die Branche gehört.“ Heute kennt er die andere Seite dieser Entscheidung. Denn wenn etwas passiert, ist er oft der Erste, der reagiert. „Bei Notfällen, bei Brandalarmen oder wenn der Rettungsdienst kommt – man ist die erste Anlaufstelle.“ Dominik Köllers Arbeitsplatz ist kein einzelner Ort. Im Objektschutz ist er in unterschiedlichen Einsatz- und Aufgabengebieten tätig. Er wechselt zwischen Portierdienst, Kameraleitstelle, Zugangskontrollen und Streifen im Gelände. Er koordiniert Lkw-Anlieferungen, behält den Überblick über Abläufe und übernimmt auch Verantwortung für Kolleginnen und Kollegen. „Ich bin für die Sicherheit zuständig und dafür verantwortlich, dass alles ordnungsgemäß abläuft und Einsätze koordiniert werden – inklusive Erste-Hilfe-Leistungen.“ Eine Schicht dauert zwischen acht und zwölf Stunden. Dazwischen Kontrollgänge, Gespräche, Situationen, die nicht planbar sind. „Das Spannende ist die Abwechslung“, sagt Dominik Köller. „Kein Tag ist wie der andere.“ Doch genau darin liegt auch die Herausforderung: unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Situationen – und nicht immer eine gemeinsame Sprache. Besonders im Kontakt mit internationalen Lkw-Fahrern stößt Kommunikation manchmal an Grenzen.
Zwischen Verantwortung und Belastung
Charlotte Rentsch kennt die Welt der Bewachung seit über einem Jahrzehnt. „Mich hat die Branche eigentlich immer schon interessiert“, erzählt sie. „Als ich die Chance bekommen habe, dass ich als Hundeführerin tätig sein darf, habe ich nicht lange überlegt und bin eingestiegen.“ Wenn sie über ihre Arbeit spricht, entsteht ein Bild von vielen Stationen mit vielen Rollen: Hundeführerin, Portierin, Straßenaufsichtsorgan, Baustellenbewacherin, Supervisorin und Mitarbeiterin in der Sicherheitszentrale. „Ich habe vieles gemacht – meistens im Nachtdienst“, sagt Charlotte Rentsch. Heute sitzt sie im Betriebsrat. Was sie antreibt, ist geblieben: „Dass ich für Sicherheit sorgen kann.“ Doch die Bedingungen in der Branche haben sich verändert. „Es ist stressiger geworden“, sagt Charlotte Rentsch. Und nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Und auch gefährlicher.“ Besonders beschäftigt sie die Realität der Alleindienste. Situationen, in denen eine Person für eine ganze Anlage verantwortlich ist – ohne direkte Unterstützung vor Ort. „Die größte Herausforderung bei uns ist die Gefahr. Gerade in der heutigen Zeit ist das zunehmend gefährlich“, sagt sie.
Zeit für mehr Wertschätzung
Wie unterschiedlich die Realität in der Branche sein kann, zeigt sich beim Thema Arbeitszeit. Dominik Köller kommt sehr gut zurecht: „Der Dienstplan ist abwechslungsreich gestaltet, und ich kann Wünsche für freie Tage einbringen.“ Charlotte Rentsch sieht das anders. „Es kommt immer wieder vor, dass man an seinem freien Tag einspringen muss“, berichtet sie aus eigener Erfahrung und als Betriebsrätin. Kurzfristige Änderungen. Dienste von zwölf Stunden. Einspringen an freien Tagen. Planung, die oft erst im Nachhinein entsteht. „Seine Freizeit wirklich planen zu können, ist nicht einfach.“ Auch beim Thema Lohn treffen zwei Perspektiven aufeinander – und doch eine gemeinsame Einschätzung. Dominik Köller formuliert vorsichtig: „Es gibt Verbesserungspotenzial – also noch Luft nach oben.“ Er wünscht sich bessere, modernere Rahmenbedingungen für seine Branche. Charlotte Rentsch wird deutlicher: „Unsere Arbeit wird unterschätzt. Viele sehen nicht, welche Verantwortung wir tragen. Der Verdienst passt nicht dazu – er sollte definitiv besser werden.“ Von den nächsten Kollektivvertragsverhandlungen erwarten sich die beiden vor allem eines: eine ordentliche Lohnerhöhung. „Zumindest einen Ausgleich der Inflation“, betont Dominik Köller. „Darüber hinausgehende Verbesserungen wären natürlich sehr wünschenswert.“
Ins kalte Wasser gestoßen
Im Betriebsratsbüro ist Charlotte Rentsch für die Anliegen ihrer Kolleginnen und Kollegen im Einsatz – für ihre Anliegen da. „Viele melden sich wegen Lohnfragen oder Problemen mit dem Dienstplan bei mir. Oder weil ich sie zu Gesprächen mit Vorgesetzten begleiten soll“, berichtet die Betriebsrätin. Immer wieder geht es auch um den Einstieg in den Beruf selbst. „Viele werden ins kalte Wasser gestoßen“, sagt sie. „Es gibt zu wenig Einschulung. Und oft zu wenig Klarheit darüber, was man eigentlich darf – und was nicht.“ Es gibt viele schwarze Schafe in der Branche, die den Ruf schädigen. Für Charlotte Rentsch ist deshalb klar: Es braucht ein Sicherheitsdienstleistungsgesetz, das Ausbildung, Aufgaben und Standards verbindlich regelt. „Das kommt allen zugute – den Beschäftigten, den Unternehmen und der Gesellschaft.“
Starker Rückhalt für alle
In all dem spielt ein Faktor immer wieder eine zentrale Rolle: Rückhalt. „Der Betriebsrat hat immer ein offenes Ohr – man wird nicht alleingelassen“, sagt Dominik Köller. „Man bekommt Tipps und Unterstützung, um den Arbeitsalltag mit seinen Herausforderungen gut bewältigen zu können.“ Aber auch die Beschäftigten selbst sind gefragt. „Wir können Vorschläge einbringen, damit die Arbeit noch besser läuft“, sagt er. Auch die Gewerkschaft ist für Dominik Köller ein wichtiger Anker. „Mitglied bei der Gewerkschaft zu sein, bedeutet für mich mehr Sicherheit, bessere Arbeitsbedingungen und vor allem zu wissen, dass jemand hinter mir steht.“ Das sei vor allem bei Kollektivvertragsverhandlungen entscheidend, ergänzt Charlotte Rentsch. „Nur wenn man gemeinsam auftritt, kann man wirklich etwas verändern.“ Für sie gibt es darüber hinaus viele gute Gründe, Mitglied bei der Gewerkschaft zu sein. „Ob Sozialfonds oder Vergünstigungen bei vielen Unternehmen – gerade in der heutigen Zeit ist jede finanzielle Unterstützung wichtig“, sagt sie. Wenn die beiden Bewacher:innen in die Zukunft blicken, wird der Ton persönlich. „Mehr Modernisierung, um Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten“, wünscht sich Dominik Köller. „Damit wir unseren Job optimal ausführen und uns stärker auf die eigentliche Sicherheitsarbeit konzentrieren können.“ Charlotte Rentsch wünscht sich neben einem Sicherheitsdienstleistungsgesetz mehr Lohn, bessere Arbeitszeiten und mehr Wertschätzung dafür, was die Beschäftigten leisten. „Das würde vieles verändern – auch die Attraktivität der Branche.“
Sicherheit ist kein Zufall
Sicherheit wirkt oft selbstverständlich – ist sie aber nicht. Sie entsteht in Schichten, in Kontrollgängen, in konzentrierten Blicken auf Bildschirme, in Gesprächen mit Menschen, die man nicht kennt – und in Entscheidungen, die oft sofort getroffen werden müssen. Charlotte Rentsch und Dominik Köller stehen stellvertretend für viele, die genau das jeden Tag leisten. Ihre Arbeit hält Dinge stabil, die andere als selbstverständlich erleben. Und sie zeigt: Wer für Sicherheit sorgt, braucht selbst Sicherheit – im Dienst, in der Planung, im Leben. Damit aus einer oft unsichtbaren Arbeit eine sichtbar anerkannte wird.