Allianz für einen fairen Beitrag der Reichsten
Die Kluft zwischen Arm und Reich bleibt unverändert groß: Das reichste EINE Prozent in Österreich besitzt unfassbare 40 Prozent des Vermögens. Doch ausgerechnet die Reichsten tragen wenig zum Steueraufkommen bei. Ohne einen fairen Beitrag wird diese Ungerechtigkeit weiter verschärft.
Gerechtigkeit
Reichtum gerecht besteuern: Warum eine faire Vermögensbesteuerung für Demokratie und Gesellschaft unerlässlich ist
Die Vermögen wachsen – aber sie wachsen vor allem bei wenigen. Während ein kleiner Teil der Bevölkerung immer größere Vermögensbestände anhäuft, tragen breite Teile der Gesellschaft weiterhin den Großteil der Steuerlast.
Diese Entwicklung stellt nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit dar, sondern auch eine Herausforderung für Demokratie, Wirtschaft und sozialen Zusammenhalt. Zahlreiche Studien und ökonomische Analysen zeigen: Eine gerechtere Besteuerung großer Vermögen ist notwendig, um extreme Ungleichheit zu begrenzen und öffentliche Investitionen zu sichern.
Vermögenskonzentration erreicht historische Ausmaße
Die Verteilung von Vermögen ist heute deutlich ungleicher als die Verteilung von Einkommen. In Österreich besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung rund 40 Prozent des gesamten Vermögens, während die ärmere Hälfte kaum nennenswertes Vermögen besitzt.
Auch international zeigt sich eine ähnliche Entwicklung: Die reichsten zehn Prozent halten in vielen Industrieländern mehr als die Hälfte des Vermögens. Diese Konzentration ist kein zufälliges Ergebnis, sondern das Resultat politischer Entscheidungen, wirtschaftlicher Strukturen und steuerlicher Rahmenbedingungen.
Der Ökonom Thomas Piketty zeigt anhand historischer Daten, dass Vermögen langfristig schneller wächst als die Wirtschaft selbst. Dadurch vergrößert sich die Ungleichheit automatisch, wenn keine politischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Hinzu kommt: Große Vermögen entstehen häufig nicht durch Arbeit, sondern durch Erbschaften und Kapitalerträge. Damit entscheidet zunehmend die „Geburtslotterie“ darüber, wer reich wird.
Superreiche zahlen weniger Steuern als die Mittelschicht
Ein zentrales Problem ist die tatsächliche Steuerbelastung sehr hoher Vermögen und Einkommen. Zwar existieren in vielen Ländern progressive Einkommensteuersysteme – doch in der Praxis greifen sie gerade bei den Reichsten nicht.
Analysen zeigen, dass die effektiven Steuersätze von Milliardär:innen deutlich unter den gesetzlichen Spitzensteuersätzen liegen. Während eine Mittelstandsfamilie in Österreich etwa 42 Prozent ihres Einkommens an Steuern und Abgaben trägt, liegt der effektive Beitrag von Multimillionär:innen deutlich darunter.
Der Grund dafür liegt vor allem in steuerlichen Sonderregeln und Privilegien für Kapital- und Vermögenseinkommen. Diese werden häufig pauschal besteuert – unabhängig von der Höhe des Einkommens – während Arbeitseinkommen progressiv besteuert werden.
Das führt zu einer paradoxen Situation:
Menschen mit sehr hohen Vermögenseinkommen zahlen prozentuell oft weniger Steuern als Beschäftigte mit hohem Arbeitseinkommen.
Österreich ist Schlusslicht bei Vermögenssteuern
Ein weiterer Faktor ist die geringe Bedeutung vermögensbezogener Steuern im österreichischen Steuersystem.
Heute stammen nur etwa 1,1 Prozent des gesamten Steueraufkommens aus Vermögenssteuern. Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Anteil hingegen bei 5,6 Prozent – also mehr als viermal so hoch.
Historisch war das anders:
Noch in den 1960er-Jahren trugen vermögensbezogene Steuern rund vier Prozent zum Steueraufkommen bei. Mit der Abschaffung der Vermögensteuer und der Erbschaftssteuer sank dieser Anteil drastisch.
Das österreichische Steuersystem finanziert sich heute vor allem über Steuern auf Arbeit und Konsum – also über jene Gruppen, die ohnehin weniger Vermögen besitzen.
Ungleichheit gefährdet Demokratie und wirtschaftliche Stabilität
Extreme Vermögenskonzentration hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Auswirkungen. Große Vermögen schaffen politischen Einfluss – etwa durch Lobbying, Parteispenden oder wirtschaftliche Machtstrukturen.
Studien zeigen, dass sehr vermögende Personen leichter Zugang zu politischen Entscheidungsträger:innen haben und ihre Interessen stärker durchsetzen können.
Diese Entwicklung kann demokratische Prozesse verzerren. Wenn wirtschaftliche Macht zu politischem Einfluss wird, gerät das Prinzip „eine Person – eine Stimme“ unter Druck.
Darüber hinaus verursachen extreme Vermögenskonzentration auch wirtschaftliche Probleme:
- geringere Konsumnachfrage
- stärkere Finanzspekulation
- höhere Krisenanfälligkeit
- zunehmender Druck auf Beschäftigte und öffentliche Dienstleistungen
Vermögenssteuern als Instrument für mehr Gerechtigkeit
Viele Ökonom:innen sehen in einer stärkeren Besteuerung großer Vermögen ein wichtiges Instrument gegen wachsende Ungleichheit.
Mögliche Maßnahmen sind etwa:
- progressive Vermögenssteuern auf große Vermögen
- Besteuerung von Erbschaften großer Vermögensübertragungen
- progressive Besteuerung von Kapitalerträgen
- internationale Kooperation gegen Steuerflucht
Modelle zeigen, dass eine Vermögensteuer erhebliche Einnahmen generieren könnte. Schätzungen zufolge könnten allein in Österreich mehrere Milliarden Euro jährlich für öffentliche Investitionen zur Verfügung stehen.
Diese Mittel könnten beispielsweise in Bildung, Gesundheit, Pflege oder den Klimaschutz investiert werden.
Eine Frage der politischen Prioritäten
Die Debatte über Vermögenssteuern ist letztlich keine technische, sondern eine politische Frage. Die ökonomische Forschung zeigt allerdings klar: Instrumente für eine gerechtere Besteuerung existieren.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob eine stärkere Besteuerung großer Vermögen möglich ist – sondern ob sie politisch gewollt ist.
Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass alle entsprechend ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zum Gemeinwohl beitragen. Eine gerechte Besteuerung großer Vermögen ist daher kein ideologisches Projekt, sondern eine Voraussetzung für sozialen Zusammenhalt und eine funktionierende Demokratie.