Rettungsdienste in Tirol
Damit sie im Notfall rasch zur Stelle sind, müssen die Sanis mit den Rettungswägen oft mitten in der Botanik auf ihren Einsatz warten.
Am 1. Juli 2011 startete in Tirol der neu organisierte Rettungsdienst. Das Land hatte als bislang erstes und einziges Bundesland in Österreich den Rettungsdienst europaweit ausgeschrieben. Zum Zug kam eine Bietergemeinschaft, die aus fünf österreichischen Rettungsdiensten besteht. Führend dabei: Das Rote Kreuz Tirol.
In 15 Minuten am Einsatzort
Die Gewährleistung einer flächendeckenden Versorgung war Teil der Ausschreibung. Das bedeutet, dass jeder Einsatzort innerhalb von 15 Minuten erreicht werden muss. Um das zu garantieren, warten die Sanis nicht mehr nur an Stützpunkten auf ihre Einsätze. Zusätzlich gibt es so genannte Bereitstellungspunkte, an denen die Rettungsautos platziert werden - als auswärtige Arbeitsstelle, an der die Rettungssanitäter auf ihren Einsatz warten.
Rettungsauto als "Arbeitsstelle"
Das Problem dabei, das viele SanitäterInnen insbesondere im Winter zu spüren bekamen: In vielen Rettungsfahrzeugen fehlt eine Standheizung. Oft befinden sich die Bereitstellungspunkte auch in unbewohnten Gegenden - ohne benützbares WC in der Nähe.
Wegen dieser bedenklichen Arbeitsbedingungen hat das Arbeitsinspektorat das Rote Kreuz bereits im Winter gerügt und auf eine Ausstattung der Fahrzeuge mit Standheizungen gedrängt. Auch die Festlegung der Bereitstellungspunkte dergestalt, dass eine offene Tankstelle oder ein Gasthaus in der Nähe ist, wurde von Amtsleiter Klaus Huber in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse" angeregt. vida hat bei Betriebsrat Hansjörg Krug nachgefragt, ob sich die Situation für die Rettungssanitäter seither verändert hat.
"Es hat sich nichts geändert"
"Wir stehen noch immer bis zu vier Stunden mitten in der Botanik, ohne Heizung und ohne Klo", sagt Krug, der neben seiner betriebsrätlichen Arbeit selbst als Notfallsanitäter arbeitet. Zwar sei die Zusage gemacht worden, dass die Zeiten an Bereitsstellungspunkten ohne entsprechende Infrastruktur gekürzt werden. "Aber wir merken davon nichts", sagt Krug. Seine Forderung: "Alle Fahrzeuge müssen raschest mit einer Standheizung ausgestattet werden." Alle MitarbeiterInnen, die Hauptamtlichen ebenso wie die Ehrenamtlichen, seien für eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Rettungsdiensten. "Aber darüber darf man nicht auf unsere Arbeitsbedingungen vergessen", betont der Betriebsrat.
Andere Sichtweise
Das Büro des Tiroler Gesundheitslandesrates Bernhard Tilg verweist per E-Mail darauf, dass die "durchschnittliche Verweildauer am Flächendeckpunkt" nur 30 Minuten betrage. Auch seien bereits 90 Prozent der betroffenen Fahrzeuge mit einer Standheizung ausgerüstet und das Rote Kreuz habe mit einer Lebensmittelketten und Tankstellen eine Vereinbarung über die Nutzung der Sanitäranlagen getroffen. "Durch diese Maßnahmen sollte sich eine wesentliche Verbesserung für die Mitarbeiter ergeben", endet das E-Mail an die vida-Redaktion.
Replik des Betriebsrats
Hansjörg Krug von der Bezirksstelle Innsbruck Land hat von diesen Verbesserungen bislang nichts bemerkt. Er bezeichnet die "durchschnittliche Verweildauer am Flächenpunkt" von nur 30 Minuten als ein Wunschdenken, das an der Realität weit vorbei gehe. Von Vereinbarungen mit Lebensmittelketten und Tankstellen zur Benutzung von Sanitäranlagen weiß Krug nichts. "Bis dato wurden wir über eine derartige Vereinbarung niemals informiert", sagt der Betriebsrat. Auch die Aussage zur Ausstattung von bereits 90 Prozent der Fahrzeuge mit Standheizungen relativiert Krug: "Diese Ausstattung betrifft den Patientenraum, aber nicht den Lenkerbereich."
Lücken im Arbeitnehmerschutz
Der Fall macht Lücken im Arbeitnehmerschutz deutlich. "Die Rettungsfahrzeuge sind als auswärtige Arbeitsstellen zu sehen und für diese gilt das Arbeitnehmerschutzgesetz nur eingeschränkt", erklärt vida-Rechtsexpertin Canan Aytekin. Dabei gibt es in unserer Arbeitswelt sehr viele Berufsgruppen, die ihre Arbeit nicht an einem fixen Ort ausführen, sondern vielerorts im Einsatz sind. "Auch für diese Beschäftigten braucht es Schutzbestimmungen, die menschenwürdige Arbeitsbedingungen sichern", verlangt Philip Wohlgemuth von der vida-Landesorganisation Tirol. vida wird in diese Richtung verstärkt Druck machen und auch schauen, inwieweit sich die Situation für die Rettungssanis in Tirol tatsächlich verbessert. Wir halten Sie auf dem Laufenden.