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Die Gewaltspirale dreht sich

Gewalt am Arbeitsplatz ist kein Einzelfall!

Während grundsätzlich die Zahl der Arbeitsunfälle sinkt, stieg die Zahl gewaltverursachter Arbeitsunfälle von 2010 auf 2015 um mehr als 35 Prozent. Um diesen Trend zu stoppen, ist vor allem eine aktive Herangehensweise gefragt.

Oliver Jeschonek ist Mediator, der hauptberuflich beim Österreichischen Bundesheer arbeitet. Er verbindet damit die Erfahrung des Einsatzes kontrollierter Gewalt mit dem Können, Konflikte bedürfnisorientiert zu regeln. „Ich erinnere mich an einen Workshop, bei dem die Beteiligten so im Streit verhaftet waren, dass sie es nicht einmal merkten, als ich mich zwischen sie stellte“, erzählt Jeschonek. In Situationen wie diesen ist die Gewaltspirale so ausgeprägt, dass die Anwesenden um sich herum nichts anderes mehr wahrnehmen als ein Problem und von einer Atmosphäre des sich Anschreiens und Beschimpfens getragen sind. Um die Menschen dort abzuholen, wo sie sich befinden, setzt Jeschonek gern paradoxe Interventionen ein. So hockte er sich in dem oben beschriebenen Fall neben einem schimpfenden Mann hin, von dem er wusste, dass er ein Hundeliebhaber war. Er sah ihn treuherzig an und fragte ihn: „Was würde denn dein Hund jetzt machen?“ Die erste Reaktion des Mannes war es, Jeschonek streicheln zu wollen. Obwohl er das letztlich nicht tat, kippte die Stimmung augenblicklich. Die Aggressionen in diesem Menschen verschwanden und sogar der Gesichtsausdruck entspannte sich merklich. Jeschonek ist überzeugt, dass er, wenn er in diesem Moment lauter geworden wäre, zusätzliche Aggressionen erzeugt hätte, die sich auch gegen ihn als Vermittler gerichtet hätten. Also überlegte er sich Alternativen.

Gesundheits- und Sozialberufe besonders betroffen

Gewalt am Arbeitsplatz ist kein Einzelfall – im Trend deutlich steigend. Belegen lässt sich diese Aussage durch die zunehmende Zahl der gewaltverursachten Arbeitsunfälle in Österreich in den letzten Jahren, während der sonstige Trend an Arbeitsunfällen eine abnehmende Entwicklung zeigt. Die Daten der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt aus dem Jahr 2015 weisen 101.468 Arbeitsunfälle aus – davon 2.182 gewaltverursacht. Umgerechnet auf die 3.450.735 Unfallversicherten Österreichs im Jahresdurchschnitt 2015 war jeder 1.621ste ein Unfallopfer durch Gewalt. 2010 lag diese Zahl noch bei 2.051. Die Erhöhung gewaltverursachter Arbeitsunfälle von mehr als 35 Prozent in sechs Jahren wirft jedenfalls einige Fragen auf. Großteils stammen die Gewaltanwendenden nicht aus dem Unternehmen selbst. Auch Angriffe von Tieren sind verhältnismäßig zahlreich, während Gewaltanwendungen innerhalb der Belegschaft erst an dritter Stelle rangieren. Besonders betroffen sind Branchen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, gefolgt von wirtschaftlichen Dienstleistun­­gen wie etwa Wach- und Sicherheitsdiensten sowie dem Verkehrsbereich.

„Die Menschen werden zurzeit deutlich schneller aggressiv, was tätliche Angriffe zur Folge hat. Immer wieder wird Gewalt am Arbeitsplatz als Berufsrisiko verharmlost – vor allem im Verkehrsbereich und bei Pflegeberufen“, weiß
Peter Traschkowitsch. Er ist Projektleiter des Projekts „Tatort Arbeitsplatz“, das die Dienstleistungsgewerkschaft vida gemeinsam mit der younion, der Vertretung der Gemeindebediensteten, betreibt. Das Projekt etablierte sich 2009 infolge einer europäischen Sozialpartnerinitiative. Ziel ist es, das Thema Gewalt am Arbeitsplatz in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Es entstanden EU-weit in unterschiedlichen Sprachen Broschüren und fachbereichsbezogene Leitfäden, wie beispielsweise länderübergreifend für Eisenbahnen. In Österreich ist dies das einzige Projekt, das zum Thema Gewalt am Arbeitsplatz in einer Interessensvertretung angesiedelt ist. „Viele Betroffene gehen oft über dieses Thema hinweg“, bedauert Traschkowitsch. Er tritt dafür ein, die Diskussion darüber breiter aufzusetzen. vida-Mitglieder erhalten im Zuge des Erlebens von Gewalt am Arbeitsplatz einen Gutschein für je fünf Einheiten psychologische Betreuung, Supervision oder Coaching durch geschulte Psychologen. Zusätzlich bietet das Projekt Seminare für Funktionäre und Mitglieder – auch zu Themenbereichen wie Recht, Einbindung der Polizei und Deeskalationstraining. Traschkowitsch setzt sich für vermehrte Abschreckung ein, um Gewalt – vor allem durch Dritte – einzudämmen. Im Verkehrsbereich wäre das seiner Meinung nach vor allem mit einer Gleichstellung von öffentlichem Sicherheits­personal mit der Polizei zu bewerkstelligen, sodass Drohungen oder tätliche Angriffe strafrechtlich gleich bewertet werden. Gesellschaftspolitisch will Traschkowitsch den gegenseitigen Respekt dadurch fördern, dass Gewalt nicht widerspruchslos hingenommen wird, sondern konkrete Maßnahmenpakete zur Verfügung stehen.

Mut zur Auseinandersetzung

„Meine erste Empfehlung im Umgang mit Gewalt ist jene, sich auf die Konfrontation damit einzulassen – speziell als Führungskraft“, meint auch Jeschonek. Darunter versteht er vor allem die Fähigkeit, Gewalt als solche wahrzunehmen, den Mut, sich damit auseinanderzusetzen und die Kompetenz, damit umzugehen. Das beinhaltet auch das Erkennen, wann welche Unterstützung von außen notwendig ist. Viele Menschen haben Angst oder sind überfordert, mit Gewalt umzugehen, daher ziehen sie es vor, sie zu ignorieren. Langjährige unterdrückte Konflikte werden immer unberechenbarer, wenn sie plötzlich doch ans Tageslicht kommen – und geraten dadurch außer Kontrolle. „Speziell in Gewaltsituationen ist es in Ordnung, sich dabei unwohl zu fühlen“, ergänzt Jeschonek, denn dadurch wird die Basis geschaffen, das zu verändern, was sie verursacht hat.

Vorzeigebeispiele gesucht!

Sie haben selbst in Ihrem Unternehmen ein gelun­genes Projekt umgesetzt, um mit dem Thema Gewalt am Arbeitsplatz besser umgehen zu können? Sie haben geeignete Maßnahmen gesetzt, um gewaltverursachte Arbeitsunfälle zu verhindern oder zu reduzieren?
Haben Sie Interesse, Ihre Erfahrungen auch anderen mitzuteilen? 

Info & Kontakt:
Dr. Elvira Hauska, Mediatorin und Konfliktmanagerin, eh(at)elvira-hauska.at

(Quelle: AUVA / http://www.alle-achtung.at/ )

 

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