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Über Trauer reden

Ein vida-Symposium über Tod, Trauer, Tragödien und Tabus.

Produktivität, Profit, Qualität und maximale Leistung stehen in der Arbeitswelt oft im Vordergrund. Beschäftigte müssen leistungsfähig, kontrolliert und stark arbeiten und agieren. Abrupt abgebremst wird diese Produktivität bei Verlust eines geliebten Menschen oder einer nahestehenden Kollegin bzw. eines nahestehenden Kollegen. Trauer hemmt Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit. Um den Mantel des Schweigens, der nach wie vor schwer auf dem Thema Tod und Trauer liegt, endlich weiter zu lüften, hat vida am 9. Mai 2016 eine große Tagung über die ökonomischen, sozialen und psychologischen Konsequenzen von Trauerfällen in der Arbeitswelt veranstaltet.

Trauer kann man nicht lernen

„Trauer ist keine Krankheit, sondern die ganz normale Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen. Trauer hemmt Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit, lenkt von den Erfordernissen des schulischen und beruflichen Alltags ab und widerspricht daher der ökonomischen Logik des Funktionierens. Nicht zuletzt deshalb ist Trauer auch ein hoch politisches Thema“, unterstreicht der Organisator der Tagung, Peter Traschkowitsch, bei einem Pressegespräch im Vorfeld der Tagung.

Plötzlich ist alles anders

„Stellen Sie sich folgende Situation vor: Einfahrt eines Regionalzuges in einen Bahnhof. Eine Frau springt vor den Zug. Diese Geräusche des Aufpralls bekommt keine Lokführerin und kein Lokführer mehr aus dem Gedächtnis und die psychischen Nachwirkungen sind enorm. Diesen letzten Augenblick vergisst man nie wieder. Und im Laufe ihrer beruflichen Laufbahn, sind LokführerInnen oft von solchen Vorfällen betroffen“, so Roman Hebenstreit, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft vida und Konzernbetriebsratsvorsitzender der ÖBB, in seiner Eröffnungsrede.

„Denken wir an den Kinderwunsch eines Ehepaares bzw. eines gleichgeschlechtlichen Paares. Bei der Geburt stirbt das Kind, eine ganze Welt bricht für das Paar zusammen. Denken wir daran, wenn eine Kollegin oder ein Kollege völlig unerwartet verstirbt und aus dem Kollegenkreis herausgerissen wird“, führte Hebenstreit fort. Der falsche Weg wäre anzunehmen, dass der normale Alltag wie gewohnt weiterläuft. Menschen reagieren und verarbeiten Tragödien unterschiedlich. Trauer ist sehr individuell und es gibt kein  Patentrezept, wie man sie am besten aufarbeitet. „Wertschätzung und ein menschlicher Umgang mit Betroffenen sind wichtig“, so der Gewerkschafter.

Trauer ist nicht nur ein soziales Phänomen

„Trauer kann uns überfordern. Wir haben ein wenig die Sensibilität im Umgang mit Trauernden verloren", ergänzt Daniela Musiol, Supervisorin und Trauerberaterin vom Verein Rundumberatung. Trauer hat auch handfeste ökonomische Auswirkungen. „Wer trauert, leistet harte Arbeit – für die Erwerbsarbeit bleiben da oft keine Kapazitäten. Studien aus den USA und Deutschland zeigen, dass die Produktivitätsverluste durch übergangene Trauer und andere psychische Belastungen in die Milliarden Euro gehen", so Musiol.

Vier Aufgaben zurück ins „normale“ Leben

Hauptredner der Tagung war James William Worden. Er war erstmals zu Gast in Österreich und gilt als einer der weltweit anerkanntesten Trauerforscher. Worden spricht von vier Aufgaben, die während des Trauerprozess gelöst werden müssen, damit wir wieder in ein "normales" Leben zurück finden können:
 

  • Verlust als Realität akzeptieren
     
  • Trauerschmerz erfahren
     
  • Sich an eine Umwelt anpassen, in der der Verstorbene fehlt
     
  • Emotionale Energie abziehen und in eine andere Beziehung investieren

Einig waren sich alle TagungsteilnehmerInnen darin, dass gerade in solchen Krisensituationen Gewerkschaft, BetriebsrätInnen und Unternehmen an einem Strang ziehen müssen. Es nutzt niemandem, wenn MitarbeiterInnen krank sind, weil diese Trauer zu verdrängen versuchen. Auch ist es nicht in unserem Interesse, wenn in einem Betrieb, in einer Abteilung oder in einer Werkstatt versucht wird, Trauer zu verdrängen – das ist kontraproduktiv.

Beratung und Hilfe in Trauerfragen:

 Initiative „Tatort Arbeitsplatz“ der Gewerkschaft vida:

>> www.tatortarbeitsplatz.at
>> www.rundumberatung.at

 

Fotoalbum von der Veranstaltung:

vida-Symposium über Tod, Trauer, Tragödien und Tabus

 

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